Skip to main content
/ 20.06.2013
Christian Christen

Politische Ökonomie der Alterssicherung. Kritik der Reformdebatte um Generationengerechtigkeit, Demographie und kapitalgedeckte Finanzierung

Marburg: Metropolis-Verlag 2011; 561 S.; 29,80 €; ISBN 978-3-89518-872-5
Diss. Bremen; Begutachtung: R. Hickel, S. Lessenich. – Trotz gelegentlicher kritischer Stimmen, die im Rahmen der jüngsten Finanzkrise aufkamen, scheint das auf staatlicher Umverteilung basierende System der Altersvorsorge spätestens seit dem Ende der 1990er-Jahre zu Gunsten eines Systems kapitalgedeckter Vorsorge ausgedient zu haben. In einer großartigen Analyse arbeitet Christen die historischen Gründe für diesen Übergang heraus und liefert zugleich eine fundierte Kritik an den theoretischen wie auch realgesellschaftlichen Grundlagen der finanzmarktbasierten Alterssicherung. In einem ausführlichen geschichtlichen Abriss werden zunächst die Entwicklungen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts dargestellt, bevor das Hauptaugenmerk auf die neoliberale Wende seit den 1970er-Jahren gelegt wird. Christen erläutert, wie die theoretische und öffentliche Debatte eine kontinuierliche Neuausrichtung erfuhr, indem vor allem der Begriff der Generationengerechtigkeit nachhaltig instrumentalisiert wurde. Aus der hinter diesem Begriff stehenden demografischen Entwicklung, und auch das legt der Autor dar, lässt sich jedoch keinesfalls ein Vorzug kapitalgedeckter gegenüber umlagefinanzierter Rentenpolitiken begründen. Im Gegenteil zeigen bereits die historischen Erfahrungen, dass die Finanzierung der Alterssicherung über den Finanzmarkt nicht nur aufgrund systembedingter Risiken sehr viel instabiler und krisenanfälliger, sondern zusätzlich mit immensen gesellschaftlichen Kosten verbunden ist. Darüber hinaus zeigt Christen, dass die zentralen Grundannahmen der ökonomischen Theorien, die als Legitimation für die Reformprozesse dienen, in der Realität nicht haltbar sind. Eine umfassende Lösung der Probleme stellt das Buch nicht zur Verfügung, bietet jedoch zahlreiche Ansatzpunkte für eine notwendige theoretische Neubearbeitung, die sozialpolitische, demografische und makroökonomische Elemente gleichermaßen berücksichtigt. Christen liefert nicht nur eine Streitschrift für eine nachhaltigere Theorie und Politik der Altersvorsorge, sondern auch eine umfassende Einführung in deren historische, theoretische und politische Entwicklungen.
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.2632.2622.3432.3422.21 Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Christian Christen: Politische Ökonomie der Alterssicherung. Marburg: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21953-politische-oekonomie-der-alterssicherung_41630, veröffentlicht am 31.05.2012. Buch-Nr.: 41630 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA