/ 22.06.2013
Annina Cristina Bürgin
Privatisierung von Sicherheit und Frieden? Eine vergleichende Studie der Einstellungen Deutschlands und der USA gegenüber Kooperationen von Streitkräften mit privaten Militärfirmen
Bern u. a.: Peter Lang 2011; 431 S.; 74,- €; ISBN 978-3-0343-1085-7Diss. Basel; Begutachtung: L. Goetschel, U. Mäder. – Die Kooperation von Militär und privaten Sicherheitsdienstleistern zählt zu den brisantesten sicherheitspolitischen Themen, weil hier Akteure die Bühne betreten – Blackwater ist in diesem Zusammenhang sicherlich der bekannteste Name –, die sich vom Staat insofern unterscheiden, als ihre wirtschaftliche Existenz an das Vorhandensein von Konflikten jeglicher Art gebunden ist. Bürgin fragt, wie politische Vertreter in Deutschland und den USA der von der International Peace Operations Association (IPOA) – der Interessenverband der privaten Sicherheits- und Militärfirmen (PSMC) – vorgeschlagenen verstärkten Einbindung von PSMCs in Militäreinsätze gegenüberstehen. Im Ergebnis sieht die Autorin Gemeinsamkeiten, aber auch manifeste Unterschiede zwischen der deutschen und der US-amerikanischen Position. So lehnen beide Seiten den Einsatz von PSMCs in Bereichen ab, in denen über die Anwendung von Gewalt entschieden und diese eingesetzt wird. Das liege nicht zuletzt daran, dass in beiden Ländern eine fehlende demokratische Legitimierung der PSMCs erkannt werde. Unproblematisch hingegen erscheint eine Unterstützung in Bereichen mit „Kapazitätslücken“ (388) – wobei Bürgin in der Zusammenfassung offen lässt, ob das neben Leistungen etwa in der Versorgung oder der Logistik nicht eine Hintertür für die Auslagerung auch von Gewaltanwendung sein könne. Stattdessen konstatiert sie etwas leichtfertig eine gewisse Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, die „im Lichte eines gewissen Pragmatismus“ (388) gesehen werden müsse. Fundamentale Unterschiede zwischen der deutschen und der US-amerikanischen Position macht sie hingegen hinsichtlich der künftigen Bereitschaft zur weiteren Auslagerung von militärischen Tätigkeiten aus, die wiederum mit der Rolle und dem Selbstverständnis der beiden Länder korrelieren. Während Deutschland keine internationale Führungsrolle anstrebe und eine grundsätzliche Staatsskepsis wenig stark ausgeprägt sei, liegen diese Faktoren in den USA prinzipiell anders. Die von der liberalen Gründungsidee getragene Staatsbeschränkung sowie die Involviertheit der USA in diverse, global verstreute Konflikte mache eine Privatisierung der militärischen Sicherheit sowohl argumentativ einfach wie auch praktisch wahrscheinlicher. Die Demokratiedebatte – so die eindringliche Lehre aus Bürgins Buch – wird angesichts einer zu erwartenden weitergehenden Privatisierung im Sicherheitssektor also weiterhin zu führen sein.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 4.41 | 4.2 | 4.21 | 2.64
Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Annina Cristina Bürgin: Privatisierung von Sicherheit und Frieden? Bern u. a.: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35311-privatisierung-von-sicherheit-und-frieden_42531, veröffentlicht am 25.10.2012.
Buch-Nr.: 42531
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Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
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