/ 04.06.2013
Julian Nida-Rümelin / Thomas Schmidt
Rationalität in der praktischen Philosophie. Eine Einführung
Berlin: Akademie Verlag 2000 (Edition Philosophie); 228 S.; pb., 33,23 €; ISBN 3-05-002944-7Der entscheidungstheoretische Ansatz spielt bekanntlich im Rahmen praktischer Philosophie ebenso wie in Sozialwissenschaften und Ökonomie eine wichtige, allerdings auch umstrittene Rolle. Die Bedenken gegenüber dem Versuch, allgemein geltende formale Kriterien für die Rationalität von Handlungen als Abwägung zwischen Präferenzen, Handlungssituation und Handlungsfolgen zu beschreiben, stützen sich auf die kritische Frage, ob damit nicht einem spezifischen, auf "egoistische" Motive eingeengten Rationalitätstyp Vorschub geleistet werde. Die Einführung von Nida-Rümelin / Schmidt will nun zeigen, dass die im Umkreis des Rational-Choice-Ansatzes entwickelte Methodik durchaus dem Anspruch gerecht werden könne, als inhaltlich neutrales Instrument zur begrifflichen Präzisierung von Handlungsproblemen in ganz unterschiedlichen Anwendungsfeldern sinnvoll einsetzbar zu sein. Diese Perspektive setzt indes - wie Nida-Rümelin an anderer Stelle ausführlich argumentiert hat (Kritik des Konsequentionalismus. München 1993) - eine Abkehr vom orthodoxen, allein auf Handlungsfolgen bezogenen Rationalitätskonzept voraus (10). Der Band behandelt in den ersten sechs Kapiteln - auch unter Verwendung einschlägiger Formalisierungen - Grundlagen der "klassischen" Entscheidungstheorie (Entscheidungsregeln, Nutzenfunktionen, Wahrscheinlichkeiten, individuelle Präferenz, Interaktionssituationen). Die folgenden Kapitel diskutieren exemplarische Themen der politischen Theorie wie den Naturzustand bei Hobbes (105 ff.), vertragstheoretische Modelle von Rawls (136 ff.) beziehungsweise Gauthier (150 ff.) und die "Logik kollektiver Entscheidungen" (166 ff.) auf Basis der entscheidungstheoretischen Begrifflichkeit. Das abschließende Kapitel resümiert dann noch einmal die Argumente gegen eine verengte - allein der Sicht des so genannten Homo Oeconomicus folgende - Auffassung von Handlungsrationalität: "Vernünftiges Handeln und Urteilen heißt, Gründe gegeneinander abzuwägen, und das ist nicht dasselbe wie Güter gegeneinander abzuwägen." (191) Allgemeiner formuliert setzt konsequent folgenorientiertes Handeln Strukturen voraus, die selbst nicht als Ergebnis individueller Optimierungsstrategien verstanden werden können (192).
Inhalt: 1. Das entscheidungstheoretische Grundmodell; 2. Nutzen und Wahrscheinlichkeit; 3. Probleme orthodoxer Entscheidungstheorie; 4. Entscheidungen unter Unwissenheit; 5. Das Newcombsche Problem; 6. Das Gefangenendilemma; 7. Rationalität und politische Ordnung; 8. Rationalität und Utilitarismus; 9. Rationalität und Gerechtigkeit; 10. Moralität aus Rationalität; 11. Die Logik kollektiver Entscheidungen; 12. Strukturelle Rationalität.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.2 | 5.1 | 5.45
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Julian Nida-Rümelin / Thomas Schmidt: Rationalität in der praktischen Philosophie. Berlin: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6219-rationalitaet-in-der-praktischen-philosophie_8452, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 8452
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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