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/ 22.06.2013
Norbert Bolz

Ratten im Labyrinth. Niklas Luhmann und die Grenzen der Aufklärung

München: Wilhelm Fink Verlag 2012; 137 S.; kart., 16,90 €; ISBN 978-3-7705-5290-0
Dass Norbert Bolz, Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin, von Luhmann – einem „Genie der Theorie“ (129) – und dessen Werk, „dieser grandiosen Theorie der Gesellschaft“ (101), fasziniert ist, belegt auch diese neue Studie, obschon es dem Autor darum geht, die „notwendigen Selbstbeschränkungen“ (7) der Systemtheorie zu benennen. Im Duktus ist es sehr persönlich geschrieben – nicht nur bei der Auswahl jener Elemente der Theorie, die einleitend „Luhmann in nuce“ (10 ff.) vorstellen sollen, hat sich Bolz von seinen eigenen, „primären“ (9) Lektüreerfahrungen leiten lassen und von jeglicher Sekundärliteratur abgesehen. Die im Titel verwendete Metapher der „Ratten im Labyrinth“ greift Formulierungen Luhmanns auf, mit der er ironisch zum Ausdruck bringt, dass in der modernen, funktional ausdifferenzierten Gesellschaft auch die (Sozial-)Wissenschaften nicht mehr über eine privilegierte Erkenntnisperspektive verfügen. Im Rahmen des radikalen Konstruktivismus ist der Zugang zur Welt nur über Beobachtungen von Beobachtungen möglich und bleibt damit immer kontextabhängig. Mit dieser epistemologischen Beschränkung ist Luhmann – durch eine Parallelisierung von Erkenntnis- und Gesellschaftstheorie – so souverän umgegangen, dass vielfach der Eindruck einer Selbstimmunisierung der Systemtheorie gegenüber Kritik entstanden ist. In nüchterner Distanz, nicht mit dem Gestus der Entlarvung, diskutiert Bolz zwei blinde Flecken der Systemtheorie. Zum einen betrifft das deren Machtvergessenheit. Im Anschluss an Nietzsche wäre die grundlegende Operation des Unterscheidens – für Luhmann Ausgangspunkt jeder Beobachtung – immer auch als „Chiffre für Macht als Herrschaft“ (105 f.) zu lesen. Ebenso ist der Freiheitsbegriff bei Luhmann nur noch kognitiv gefasst und blendet auf der Gegenseite alle Momente von Zwang aus. Zum anderen erscheint die Systemtheorie emotionsblind – zu fragen wäre, welchen Ort Gefühle, Begehren, Unbewusstes in einer Gesellschaft einnehmen, die nur aus Kommunikationen besteht. Ähnlich schließt Luhmanns prinzipielle Abwehr der Weber’schen „Leidenschaften“ (119 ff.) Phänomene wie Charisma und Souveränität aus.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.465.42 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Norbert Bolz: Ratten im Labyrinth. München: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35004-ratten-im-labyrinth_42116, veröffentlicht am 03.01.2013. Buch-Nr.: 42116 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA