/ 22.06.2013
Aimé Césaire
Rede über den Kolonialismus und andere Texte. Ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Heribert Becker
Berlin: Karin Kramer Verlag 2010; 133 S.; 18,- €; ISBN 978-3-87956-343-2Der Band enthält wichtige Texte aus der Zeitschrift Tropiques von Aimé Césaire, dem afrokaribisch-französischen Schriftsteller und Politiker, der gemeinsam mit Léopold Sédar Senghor zu den zentralen Wegbereitern der Négritude-Bewegung zu zählen ist und als der wichtigste Politiker Martiniques im 20. Jahrhundert gelten kann. Mit der Rückbesinnung auf die afrikanischen Wurzen schwarzer Kultur und der Aufforderung zum Selbstbewusstsein „bereitete die Négritude-Bewegung geistig den Entkolonisierungsprozess vor“ (10), leitet Becker in den Band ein. Césaires Rede über den Kolonialismus ist als eines der Hauptwerke der Négritude-Bewegung zu verstehen. Mit großer Leidenschaft prangert er die Jahrhunderte währenden Verbrechen von Weißen an Schwarzen an. Und höchst kritisch wirft er der weißen Zivilisation in ihrer kapitalistischen Gestalt vor, sie kümmere weniger, dass Hitler Verbrechen an der Menschheit insgesamt verübt habe. Sie könne Hitler vielmehr nicht verzeihen, dass seine Verbrechen sich gegen den weißen Menschen selbst gerichtet hätten. Wenn der Europäer von Fortschritt spreche, von „Fakten, Statistiken, Straßen-, Kanal- und Einsenbahnkilometern“, spreche er, Césaire, dagegen „von Tausenden abgeschlachteten Menschen“ (88). Damit verweigert er sich vehement dem im europäischen Denken verwurzelten und stark ökonomisch geprägten Fortschrittsdenken. Ganze Kulturen seien durch die Kolonisierung verloren gegangen. Zudem stellt er fest: „Niemand weiß, in welchem Stadium der materiellen Entwicklung die in Frage stehenden Länder heute ohne das europäische Eingreifen wären“ (91). Die Négritude-Bewegung, so Césaire, sei „nicht essentiell biologischer Natur“, vielmehr verweist sie „auf eine Summe gelebter Erfahrungen“ und sei mithin „eine der historischen Formen des Menschseins in der Welt“ (124). Auf dieser Basis müsse es der Bewegung gelingen, ein Identitätskonzept zu entwickeln, das zugleich fähig ist, „die Welt „begierig in sich aufzusaugen“ (130).
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 4.1
Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Aimé Césaire: Rede über den Kolonialismus und andere Texte. Berlin: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32498-rede-ueber-den-kolonialismus-und-andere-texte_38786, veröffentlicht am 26.07.2010.
Buch-Nr.: 38786
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Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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