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/ 11.06.2013
Peter Sloterdijk

Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1999; 60 S.; kart., 7,- DM; ISBN 3-518-06582-3
Dieser Sonderdruck dokumentiert eine Rede, die Sloterdijk 1997 als einen Beitrag zu einem Vortragszyklus über die Aktualität des Humanismus in Basel hielt. Als er sich im Juli 1999 im Rahmen einer philosophischen Fachtagung erneut mit einem geringfügig modifizierten Vortrag zu Wort meldete, rief er heftigen Widerspruch einiger Kollegen und Teile der Presse hervor, der in der "Sloterdijk-Debatte" mündete. Die aufmerksame Lektüre des kurzweiligen, prägnanten Essays (der zweiten Fassung aus 1999) zeigt deutlich, dass die Debatte ihre aufgebauschte Heftigkeit aus der von Sloterdijk im Nachwort monierten "Sprengkraft von Dekontextuierungen" (59) nahm. Nicht stimmt Sloterdijk, wie seine Gegner ihm vorwarfen, hymnisch den Abgesang auf den Humanismus an, sondern er warnt lediglich mit Blick auf gegenwärtige Probleme wie jugendliche Gewaltexzesse und gentechnische Manipulationen vor einem blinden Vertrauen in humanistische Erziehung. Originell ist die medientheoretische Deduktion des Humanismus als "freundschaftsstiftende Kommunikation im Medium der Schrift", die sich als "Kettenbrief durch die Generationen" (7) ziehe. Die genetische Anbindung des Humanismus an die Schrift zeigt ideologiekritisch den "Zusammenhang zwischen Lesen und Auslesen" (43), denn: "Die Humanisierten sind zunächst nicht mehr als die Sekte der Alphabetisierten" (11). Es drängt sich mit Nietzsche die Frage auf, ob sich nicht unter dem Banner des Humanismus zuweilen eine Sklavenmoral versteckt: "Mit der These vom Menschen als Züchter des Menschen wird der humanistische Horizont gesprengt, sofern der Humanismus niemals weiter denken kann und darf als bis zur Zähmungs- und Erziehungsfrage." (39) Wenn der literarische Humanismus mit der Marginalisierung seines tragenden Mediums, der Schrift als erziehender Lektüre, an sein Ende gekommen ist, dann gewinnt der von Nietzsche unzeitgemäß prognostizierte Titanenkampf für Sloterdijk neue Aktualität: Er fragt, ob nicht "die langfristige Entwicklung auch zu einer genetischen Reform der Gattungseigenschaften führen wird, [...] ob die Menschheit gattungsweise eine Umstellung vom Geburtenfatalismus zur optionalen Geburt [...] wird vollziehen können" (46). Trotz ihres diagnostischen Gehalts und dem polemischen humanismuskritischen Kontext dürfen diese Fragen jedoch nicht indikativisch umgedeutet werden, wie es die Sloterdijk-Gegner taten. Sloterdijk stellt keine Regeln für den Menschenpark auf, sondern fragt nach der Fundierung und Stabilität des traditionellen und brüchig werdenden Kodexes. Das ist legitim. Kritik müsste andernorts ansetzen: Zu fragen wäre etwa, ob Humanitas nicht auf Sprache als einem nichtverschriftlichtem Medium innerhalb lebensweltlicher Kontexte stabil genug fußen könnte, um den Stürmen der medialen Veränderungen standzuhalten. Dann nämlich müsste die prognostizierte Heraufkunft eines post-literarischen Zeitalters nicht zwingend bedeuten, "daß Archivare und Archivisten die Nachfolge der Humanisten angetreten haben" (56).
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.425.46 Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Peter Sloterdijk: Regeln für den Menschenpark. Frankfurt a. M.: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12003-regeln-fuer-den-menschenpark_14322, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 14322 Rezension drucken
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