/ 05.06.2013
Michael Zürn
Regieren jenseits des Nationalstaates. Globalisierung und Denationalisierung als Chance
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1998 (Edition Zweite Moderne); 395 S.; brosch., 38,- DM; ISBN 3-518-41018-0Das Buch handelt von der Krise des (nationalstaatlichen) Regierens in den demokratischen Industriegesellschaften. Als Ursache für die Krise wird angeführt, daß "die Reichweite der Gültigkeit von nationalstaatlichen Regelungen die realen Grenzen des betroffenen Handlungszusammenhangs als Folge der gesellschaftlichen Denationalisierung häufig unterschreitet" (10). Die beiden ersten Teile schlagen eine Bresche in die inzwischen uferlos gewordene Globalisierungsliteratur. Es wird dort in einer sehr nützlichen Systematisierung gezeigt, wie sich die Prozesse der Denationalisierung (der Autor zieht diesen Begriff dem der Globalisierung vor) auf das Regierungsgeschehen auswirken. Im dritten Teil versucht Zürn Auswege aus der Krise aufzuzeigen. Dabei geht er davon aus, daß der Rückweg in eine Welt ohne Denationalisierung nicht mehr offensteht, es also darauf ankommt, Formen des guten (demokratischen) Regierens jenseits des Nationalstaates zu finden. Die Schwierigkeiten, die sich aus der Globalisierung für die Demokratie ergeben, werden als prinzipiell überwindbar betrachtet. "Das Projekt komplexes Weltregieren setzt darauf, die gesellschaftliche Denationalisierung durch die politische Denationalisierung aufzufangen, Gemeinsinn jenseits der Nationalgesellschaften zu bilden und auch für die Mehrebenenpolitik demokratische Qualität zu gewinnen, um damit die substantiellen Ziele des Regierens wieder annäherungsweise zu erreichen" (336). Ausgehend von den Leistungen der heute schon existierenden internationalen Institutionen und Regime unterbreitet der Autor im Schlußkapitel 15 konkrete Vorschläge, wie die Demokratisierung der Mehrebenenarrangements vorangetrieben werden kann. Zürn ist mit diesem ersten Versuch einer politikwissenschaftlichen Gesamtdarstellung der Globalisierungsproblematik ein großer Wurf gelungen. Bei aller Komplexität der Thematik bleibt das Buch stets angenehm lesbar, ohne dabei an wissenschaftlicher Substanz irgend etwas einzubüßen. Der Autor hat es geschafft, die Globalisierungsdebatte (im politikwissenschaftlichen Teilbereich) der Internationalen Politik an Fragen der politischen Theorie heranzuführen, wo sie bisher vernachlässigt worden sind (weil Demokratie hier immer noch vorzugsweise in den Kategorien des Nationalstaates gedacht wird). Größere Schwächen verrät der Text lediglich am Ende des zweiten Teils, wo der Autor auf die innenpolitischen Auswirkungen der Globalisierung zu sprechen kommt; die für das Aufkommen von regionalistischen und rechtspopulistischen bzw. rechtsextremen Parteien angebotenen Erklärungen erweisen sich hier zum Teil als rein spekulativ und angesichts der tatsächlichen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern zu wenig differenziert. Selbst wenn die Folgen der Globalisierung die demokratischen Industriegesellschaften in vergleichbarer Weise betreffen, lassen sie sich nicht ohne weiteres auf die Entwicklung der nationalen Parteiensysteme "herunterbrechen"! Da die innenpolitischen Auswirkungen der Globalisierung über die Erfolgschancen des Projekts "komplexes Weltregieren" mitentscheiden, wäre eine genauere Darlegung dieser Zusammenhänge (bei einer etwaigen Neuauflage des Buches) wünschenswert.
Frank Decker (FD)
Prof. Dr., Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, Universität Bonn.
Rubrizierung: 2.2 | 4.1 | 4.43 | 2.21 | 5.41
Empfohlene Zitierweise: Frank Decker, Rezension zu: Michael Zürn: Regieren jenseits des Nationalstaates. Frankfurt a. M.: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6681-regieren-jenseits-des-nationalstaates_9012, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 9012
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Prof. Dr., Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, Universität Bonn.
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