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/ 05.06.2013
Knut Kirste

Rollentheorie und Außenpolitikanalyse. Die USA und Deutschland als Zivilmächte

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 1998 (Europäische Hochschulschriften: Reihe XXXI, Politikwissenschaft 359); 507 S.; brosch., 128,- DM; ISBN 3-631-33364-1
Politikwiss. Diss. Trier; Erstgutachter: H. W. Maull. - Die Arbeit verfolgt zweierlei Ziele: Einerseits vergleicht Kirste die außenpolitischen Strategien und das Konfliktverhalten der USA und Deutschlands in dem Zeitraum zwischen 1985 und 1995, um die gegenwärtigen Selbstverständnisse beider Staaten herauszuarbeiten und deren Auswirkungen auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen zu untersuchen. Als Idealtypus dient dazu das Konzept Hanns W. Maulls der Zivilmacht, das einen Staat klassifiziert, der "an Zielsetzungen, Werte, Prinzipien sowie Formen der Einflußnahme und Instrumente der Machtausübung, die einer Zivilisierung der internationalen Beziehungen dienen" (49), gebunden ist. Kirste stellt dabei zunächst anhand einer Inhaltsanalyse offizieller außenpolitischer Dokumente in beiden Ländern fest, daß im Falle der USA seit dem Beginn der neunziger Jahre trotz einer "unverändert starken Werteorientierung [...] Interessen [...] zunehmend im Sinne eigener Vorteile definiert werden" und die "Bereitschaft zur Einmischung in innere Belange [anderer Staaten] mit dem Ziel einer Zivilisierung" deutlich abnähme (163). Die Außenpolitik der Bundesrepublik sei dagegen gegenwärtig durch den Versuch eines "Spagat[s] zwischen dem geforderten weltpolitischen Engagement und der nach wie vor erwarteten Zurückhaltung" (166) gekennzeichnet. Deutlicher als bei den USA sei hier jedoch die Orientierung an dem Konzept einer Zivilmacht zu erkennen. In vier Fallstudien (Golfkrise, "2+4-Verhandlungen", bilaterale Wirtschafts- und Handelsbeziehungen, Jugoslawienkrise) wird das tatsächliche außenpolitische Verhalten beider Staaten an den zu erwartenden Verhaltensmustern einer so definierten Zivilmacht gemessen. Die Untersuchung bietet auch eine empirische Überprüfung der Anwendbarkeit der sozialpsychologischen Rollentheorie auf dem Feld der Internationalen Beziehungen. Obwohl die Übertragung dieser für die interpersonale Ebene konzipierten Theorie auf den Bereich zwischenstaatlicher Beziehungen nicht unproblematisch ist, kann so doch der Einfluß von Perzeptionen und Ideen auf das außenpolitische Verhalten eines Staates methodisch gefaßt werden, ohne bei der Analyse auf systemische Einflußfaktoren verzichten zu müssen. Somit bietet sich gleichzeitig die Möglichkeit, zwischen den konträren (neo-)realistischen und psychologisch-idealistischen Erklärungsfaktoren für die Entstehung von Außenpolitik eine hilfreiche Brücke zu bauen und die verschiedenen Ebenen der Außenpolitikanalyse miteinander zu verknüpfen.
Tamara Keating (TK)
Dr., Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 4.14.214.222.3132.64 Empfohlene Zitierweise: Tamara Keating, Rezension zu: Knut Kirste: Rollentheorie und Außenpolitikanalyse. Frankfurt a. M. u. a.: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6752-rollentheorie-und-aussenpolitikanalyse_9091, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 9091 Rezension drucken
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