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/ 05.06.2013
Heribert Prantl

Rot-Grün. Eine erste Bilanz

Hamburg: Hoffmann und Campe 1999 (Campe Paperback); 157 S.; brosch., 24,- DM; ISBN 3-455-10383-9
In seinem essayartigen Buch, das nicht selten auch an die Glosse erinnert, bilanziert Prantl die ersten Monate der rot-grünen Regierung in teils kritischer, teils zustimmender, aber immer um Distanz bemühter Art. Abgehandelt werden die großen Debatten und Ereignisse vom Rücktritt Lafontaines über die Auseinandersetzung zum neuen Staatsbürgerschaftsrecht bis hin zum Krieg im Kosovo. Besonderen Wert legt Prantl auf die Veränderung der Koalitionsparteien, die mit der Regierungsübernahme einhergegangen ist: Beide, SPD und Grüne, entwickelten eine Tendenz zum "Regierungshilfeverein" (22), der traditionelle Anliegen und wesentliche Eckpunkte seines Programms im Sinne der Beibehaltung der Macht mißachte. Prantls Formulierungsgabe führt gelegentlich zu überspitzten Darstellungen. Den Wandlungs- und Anpassungsprozeß sowie die Abschleifung der Ideale der Grünen vergleicht er pikanterweise in historisch-soziologischer Perspektive mit der Transformation der deutschen Burschenschaft im neunzehnten Jahrhundert. Lob erntet Eichel und sein Sparpakt. Den Amtsantritt des neuen Finanzministers deutet Prantl als bedeutende Wegmarke und Neuausrichtung der Regierung Schröder. Schröder hält er klar formulierte Defizite entgegen. Seine Kunst bestehe darin, "schöne Rahmen zu malen; für die Bilder fehlen ihm die Ideen" (45). Gleichzeitig habe er Stehvermögen, Durchsetzungskraft und Machtinstinkt "wie kein zweiter - Helmut Kohl ausgenommen" (59). Prantls Kritik bezieht sich in der Regel auf zuwenig Rot-Grün, wenn er die seiner Meinung nach sowieso schon verwässerten Themen aus Koalitionsvereinbarung und Regierungserklärung in der Praxis nochmals beschnitten sieht. Trotz dieser thematischen Nähe zur Koalition bekommt aber auch die Union gelegentlich anerkennende Worte. Unterm Strich fällt die Bilanz nach aller Schärfe und Kritik doch wohlwollend optimistisch aus, wenn das erste Jahr als "hektische Vorbereitung des Aufbruchs" (157) gewertet wird. Die Finanzaffäre der CDU konnte Prantl noch nicht absehen.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.3222.3312.3434.21 Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Heribert Prantl: Rot-Grün. Hamburg: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7962-rot-gruen_10552, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 10552 Rezension drucken
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