/ 11.06.2013
Kurt Pätzold / Manfred Weißbecker
Rudolf Heß. Der Mann an Hitlers Seite. Mit Beiträgen von Ted Harrison, Peter A. Schupljak und Robert G. Waite
Leipzig: Militzke Verlag 1999; 544 S.; 58,- DM; ISBN 3-86189-157-3Der Volkswitz ernannte ihn zum "Reichsemigrantenführer", machte ihn zum Redakteur der Zeitschrift "Der Türmer". Der deutsche Volksgenosse wusste nunmehr, was paradox ist: "Wenn im Dritten Reich der zweite Mann als Erster türmt". Zur Melodie von Lilli Marleen wurde gedichtet: "Es war ein Heß entsprungen ..." Und angeblich hieß der Schlusssatz der britischen Lageberichte seit 1941: "Bei Tag und bei Nacht ist kein deutscher Reichsminister eingeflogen." (288 ff.) Die Autoren zeigen, dass es geradezu falsch wäre, die Rolle von Heß im Dritten Reich auf seinen misslungenen Englandflug zu reduzieren oder in ihm nur den letzten Gefangenen in Spandau zu sehen. Heß war als Stellvertreter des Führers in Parteifragen einer der wichtigsten Funktionsträger der Nazi-Elite, und vielleicht sogar der Prototyp des bedingungslos dem "Führer" ergebenen Parteigenossen, der die Briten davon überzeugen wollte, wie sinnlos ihr Krieg gegen Hitler sei, und der auch während des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher seine Ergebenheit und Verehrung gegenüber Hitler nicht verbarg. Zweifellos ist das Heß-Bild durch seinen Prozessauftritt entschieden geprägt worden, und insofern beschäftigen sich Pätzold/Weißbecker intensiv mit der Frage, ob Heß tatsächlich geisteskrank war (wie es die Goebbels-Propaganda verbreiten ließ, und sein Auftreten vor Gericht schien die Annahme ja zu bestätigen scheint). Heß zeigte bis zu seinem Selbstmord 1987 jedoch keine geistige Verwirrung, sondern lediglich, dass er keine Einsicht in seine Schuld entwickelte. Und möglicherweise wurde er darin durch die Vielzahl der Sympathisanten unterstützt, die wiederholt seine Freilassung verlangten und nach 1987 den Mythos des Friedensfliegers in die Welt setzten. Ihre lesenswerte Darstellung ergänzen die Autoren mit Beiträgen amerikanischer, britischer und russischer Historiker.
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.312
Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Kurt Pätzold / Manfred Weißbecker: Rudolf Heß. Leipzig: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10459-rudolf-hess_12367, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 12367
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Dr., Historiker.
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