/ 21.06.2013
Uta Franke
Sand im Getriebe. Die Geschichte der Leipziger Oppositionsgruppe um Heinrich Saar 1977 bis 1983
Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2007 (Zeitfenster 2); 287 S.; brosch., 19,- €; ISBN 978-3-86583-230-6Mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrer Verhaftung setzt sich Uta Franke mit ihrer Vergangenheit und der ihrer Freunde auseinander. Sie studiert erstmalig die Akten der Staatsicherheit und die von ihr als erschreckend detailliert empfundenen Protokolle des Ministeriums für Staatsicherheit (MFS) beleben ihre Erinnerung. Die Autorin versteht ihr Buch als ein vorläufiges Ergebnis des langen Prozesses der Auseinandersetzung mit ihrer Zeit. Ihre Geschichte beginnt im Jahr 1977 in Leipzig in Form einer politischen Gesprächsrunde idealistischer junger Menschen, die die Interpretation der jüngeren deutschen Geschichte durch die SED in Frage stellen. Diese vermeintlich unschuldigen Treffen gewinnen als Philosophiezirkel des charismatischen Dissidenten Heinrich Saar an Brisanz. Als der Schriftsteller Rudolf Bahro inhaftiert wird und der Kreis um Heinrich Saar in Form von Flugblättern Anklage gegen das Regime erhebt, schlägt das MfS zu. Die Folge sind Haftstrafen im äußerst harten Strafvollzug der Haftanstalten Hoheneck, Cottbus und Bautzen. Frankes Schilderungen dieser Zeit sind sehr persönlich und äußerst nahegehend. Sie werden durch zahlreiche Abbildungen und Verhörprotokolle ergänzt. Sowohl der Prozess als auch die Zeit in der Haft sind detailliert und eindringlich beschrieben. Dennoch stehen sie exemplarisch für die Geschichte der 180.000 in der DDR aus politischen Gründen Inhaftierten. Besonders hervorzuheben ist Frankes Begegnung mit der ehemaligen KZ-Aufseherin Erika Bergmann in Hoheneck. Hier begegnet eine Täterin des Nationalsozialismus einem Opfer der SED. Bis zur Wiedervereinigung wurden 34.000 politische Häftlinge durch die Bundesrepublik freigekauft. Auch die Gruppe um Heinrich Saar findet nach Freikäufen und Überführung in den Westen im politischen Engagement wieder zusammen. Franke erzählt nicht nur ihre Geschichte und die ihrer Mitstreiter, ihr gelingt es gleichzeitig das düsterste Kapitel jüngster deutscher Geschichte zu personalisieren.
Marinke Gindullis (MG)
Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.314
Empfohlene Zitierweise: Marinke Gindullis, Rezension zu: Uta Franke: Sand im Getriebe. Leipzig: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29555-sand-im-getriebe_34991, veröffentlicht am 21.10.2008.
Buch-Nr.: 34991
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