Skip to main content
/ 21.06.2013
Ivan Jakubec

Schlupflöcher im "Eisernen Vorhang". Tschechoslowakisch-deutsche Verkehrspolitik im Kalten Krieg. Die Eisenbahn und Elbeschiffahrt 1945-1989

Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2006 (Beiträge zur Unternehmensgeschichte 22); 270 S.; kart., 38,- €; ISBN 978-3-515-08527-4
In seiner verkehrsgeschichtlichen Studie vertritt der Autor die These, dass die politischen und wirtschaftlichen Interessen der vom Kalten Krieg betroffenen Länder in Europa nicht deckungsgleich waren. Er belegt dies mit den verkehrspolitischen und verkehrstariflichen Beziehungen zwischen der Tschechoslowakei und Westdeutschland, im Mittelpunkt stehen die Elbe und der Hamburger Hafen. Nach westdeutscher Ansicht herrschte auf der Elbe nach dem Krieg ein vertragsloser Zustand; der Grundsatz, den Fluss als internationale Wasserstraße anzusehen, wurde vorläufig stillschweigend akzeptiert. Während die Regierung unter Adenauer ihre Politik strikt auf eine Abgrenzung vom Osten und Anbindung an den Westen ausrichtete, so die Darstellung Jakubecs, wurde in Hamburg eine andere Strategie verfolgt – die in Bonn als eine im Grundgesetz nicht vorgesehene eigene Außenpolitik des Stadtstaates angesehen, teilweise missverstanden und sogar offen angegriffen wurde. Hamburg aber „ging von der Prämisse aus, dass möglich sei bzw. möglich sein müsste, trotz aller politischen Schwierigkeiten die ‚natürlichen’ Wirtschaftsinteressen auf beiden Seiten durchzusetzen, und zwar zum Wohl aller Menschen diesseits wie jenseits des ‚Eisernen Vorhangs’“ (194). In einem völkerrechtlich vertragslosen Zustand wurde deshalb den tschechoslowakischen Binnenschiffern das Befahren der Elbe bis nach Hamburg gestattet, wo sie eine eigene freie Hafenzone nutzen konnten. Die Stadt ließ damit – auch zum eigenen wirtschaftlichen Nutzen – die Aufrechterhaltung eines Anspruches zu, der sich aus dem Versailler Friedensvertrag ableitete. Auch in die Gegenrichtung zeigte sich der „Eiserne Vorhang“ als insofern durchlässig, als schon in der Nachkriegszeit Binnenschiffe mit deutscher Besatzung und unter britischer Flagge in die Tschechoslowakei fuhren. „Resümierend zeigt sich, dass Hamburg den Verkehr der Tschechoslowakei mit Westeuropa und auch nach Übersee im Grunde das ganze 20. Jahrhundert sehr aktiv und erfolgreich sichern half, und zwar ohne besondere Rücksicht auf Regierungs- und Regimewechsel.“ (234)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.24.214.222.3132.325 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Ivan Jakubec: Schlupflöcher im "Eisernen Vorhang" Stuttgart: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/27267-schlupfloecher-im-eisernen-vorhang_31890, veröffentlicht am 16.08.2007. Buch-Nr.: 31890 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA