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/ 22.06.2013
Udo Grashoff

Schwarzwohnen. Die Unterwanderung der staatlichen Wohnraumlenkung in der DDR

Göttingen: V&R unipress 2011 (Berichte und Studien 59); 200 S.; 19,90 €; ISBN 978-3-89971-826-3
Schwarzwohnen war in der DDR in den 70er- und 80er-Jahren gerade bei jungen Leuten eine oft genutzte Möglichkeit, um trotz der knappen Wohnraumsituation ein Dach über dem Kopf zu haben. Dieses Verhalten war jedoch keineswegs mit der westdeutschen Tradition der Hausbesetzung oder der englischen Variante des Squatting gleichzusetzen. Schwarzwohnen vollzog sich ohne den Anspruch einer ethischen oder gesellschaftskritischen Handlungsmaxime, wenngleich diese Form der Unterwanderung der staatlichen Wohnraumpolitik durchaus ein politisches Statement darstellte. Grashoff fasst das politische und gesellschaftliche Verhältnis zwischen Staat und Wohnraumbesetzern wie folgt zusammen: „Im Kern bedeutete Schwarzwohnen […], dass man den [Kontroll-]Anspruch des Staates, […], untergrub, indem man die für alle Vermietungen obligatorische Wohnungszuweisung nicht beantragte, sondern eigenmächtig in eine leer stehende Wohnung einzog.“ (9) Grashoff erforscht als erster diese Grauzone, wobei er sich auf die Städte Berlin, Leipzig, Jena, Halle und Rostock konzentriert. Auf der Basis von Erfahrungsberichten, aber auch dokumentierten Quellen aus den Staatsbehörden zeichnet er ein umfassendes Bild des Schwarzwohnens. Dabei analysiert er zunächst die verschiedenen Strategien und Aushandlungsprozesse mit den Behörden, denn Schwarzwohnen hieß nicht Geheimwohnen. Dann ermöglicht er Einblicke in die verschiedenen Mikrokosmen – mit den Fallbeispielen wird auch das Spannungsfeld zwischen vermeintlicher Freiheit bzw. Anarchie und staatlicher Repression verdeutlicht. Lebendig wird die Analyse vor allem durch die verschiedenen Bild- und Zeitzeugendokumente. Insgesamt gelingt es Grashoff, die Realität des DDR-Staates, die alltäglichen kleinen und großen Repressionen sowie Räume der persönlichen Freiheit aufzuzeigen. Abgerundet wird das Bild durch den Ausblick „Was bleibt?“ (177), in dem er einstige Besetzer und damals besetzte Wohnungen im Heute porträtiert.
Anja Franke-Schwenk (AF)
Dr. des., wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften (Bereich Politikwissenschaft), Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Anja Franke-Schwenk, Rezension zu: Udo Grashoff: Schwarzwohnen. Göttingen: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34150-schwarzwohnen_40963, veröffentlicht am 20.10.2011. Buch-Nr.: 40963 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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