/ 17.06.2013
Thomas Großbölting
SED-Diktatur und Gesellschaft. Bürgertum, Bürgerlichkeit und Entbürgerlichung in Magdeburg und Halle
Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2001 (Studien zur Landesgeschichte 7); 518 S.; geb., 40,- €; ISBN 3-89812-121-6Diss. Münster; Gutachter: H.-U. Thamer, U. Pfister. - Andere Wertvorstellungen, andere Zukunftsvorstellungen - Warum gibt es eine Kluft zwischen Ost- und Westdeutschen? War die SED vielleicht doch zumindest ansatzweise damit erfolgreich, das Denken der DDR-Bürger zu verändern? Die Analyse Großböltings legt diesen Schluss nahe. Der Autor hat am Beispiel zweier ostdeutscher Städte nach dem Verbleib des Bürgertums in der DDR gefahndet. Ausgewählte bürgerliche Institutionen und Gruppierungen wurden in die NS- und Weimarer Zeit zurückverfolgt, um ihre spezifischen Reaktionen auf die SED-Diktatur herauszuarbeiten. Dabei zeige sich, dass der "bildungsbürgerliche Ideenkonsens in vielem noch mit der NS-Anschauung" (427) kompatibel gewesen sei, so der Autor, sich die bürgerlichen Kreise aber in absoluter Frontstellung zur SED-Politik befunden hätten. Obwohl der SED nach Kriegsende die beabsichtigte Mobilisierung der Bevölkerung für ihre Ziele nur wenig gelungen sei, da sie als "Russenpartei" abgelehnt worden sei, habe sie alle Lebensbereiche ihrer politischen Lenkung unterwerfen können. Die Gesellschaft sei entdifferenziert und ein öffentlich gemachter Interessenpluralismus beseitigt worden, traditionelle soziale Hierarchien und gesellschaftliche Wertemuster seien verändert worden. Spätestens nach dem Mauerbau habe das Bürgertum, durch die Massenflucht nach Westen ohnehin ausgedünnt, keine Rolle mehr in der DDR-Gesellschaft gespielt. Das System habe mit neuen Eliten funktioniert, denen in einem "attraktivem Ausmaß" (430) Bildungs- und Karrierechancen sowie eine hohe soziale Sicherheit geboten worden sei. Eine völlige Homogenität der Gesellschaft habe die SED aber nicht erreicht. So blieben zehn Prozent der Gesamtbevölkerung von christlichen Werten geprägt. Auch die in der DDR geborene Generation habe sich von der Ideologie der Aufbaugeneration entfernt. Dennoch lasse sich die DDR-spezifische Sozialisation mit ihren abgeschwächten oder sogar entfernten traditionellen bürgerlichen Wertvorstellungen noch heute empirisch nachweisen.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Thomas Großbölting: SED-Diktatur und Gesellschaft. Halle (Saale): 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16558-sed-diktatur-und-gesellschaft_19019, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 19019
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