/ 21.06.2013
Gerhard Burda
Seelenpolitik. Über die Seele und andere Selbst-Differenzen
Wien: Passagen Verlag 2009 (Passagen Philosophie); 136 S.; brosch., 14,45 €; ISBN 978-3-85165-877-4Burda, seines Zeichens Philosoph und Psychoanalytiker, legt eine komplexe Studie über die Zusammenhänge von Psyche und Politik vor. Ihr liegt der Gedanke zugrunde, dass in liminalen Phasen (Schwellenphasen) neuer Identitätsbildung – und dies im globalen Maßstab und gültig beispielsweise für österreichische Befindlichkeiten ebenso wie für innerislamische Prozesse – kollektive Abwehrmechanismen aktiv sind, die das Tagesgeschehen beeinflussen. Ein Selbst „gibt es nur als Selbst-Differenz“ (11), womit Politik aus psychoanalytischer Sicht unter dem Generalverdacht steht, infolge verdrängter, unbewusster Dynamiken zu agieren. Politik und Psyche verweisen als beeinflusste wie beeinflussende Medien aufeinander. Um dieser Intermedialität verantwortungsvoll gerecht zu werden, sei, so der Autor, eine Seelenpolitik notwendig. Als einführendes Beispiel wählt Burda die Integrationsvorgänge der EU, mit denen auch erhebliche nationale Desintegrationen einhergingen: „Jeder Versuch ein politisches ‚Selbst’ zu installieren, bringt unweigerlich wieder Differenzen ins Spiel und generiert im interkollektiven Feld zu bedenkende Divergenzen“ (13). Burda erläutert, dass sich ein politisches Selbst etabliert, indem Traditionen erfunden werden, die den Bedürfnissen der Trägergruppe schlichtweg angepasst werden. Der politische Kampf habe natürlich, wendet sich der Autor mit Freud gegen Jürgen Habermas und John Rawls, eine affektive Dimension. Der „libidinösen Besetzung eines Wir“ folge eben unweigerlich „die aggressive Abgrenzung von den bedrohlichen anderen“ (25). Er schlussfolgert noch weitergehend mit Amartya Sen und zahlreichen Kulturwissenschaftlern, dass es überhaupt falsch sei, die Welt in von einander abgrenzbare Kulturen einteilen zu wollen. So fragt Burda originell, was denn wäre, „wenn nicht nur Europa mit dem, was es am Islam fürchtet, auf das, wodurch es von sich selbst getrennt wird, verwiesen wäre, sondern auch der Islam selbst“ (48)? Das Ziel müsse also sein, einen Islam der Vernunft ebenso zu denken wie sich mit dem „Euronarzissmus“ (50) auseinanderzusetzen.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42 | 2.23 | 2.4
Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Gerhard Burda: Seelenpolitik. Wien: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30937-seelenpolitik_36766, veröffentlicht am 26.08.2009.
Buch-Nr.: 36766
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Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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