/ 20.06.2013
Claus Offe
Selbstbetrachtung aus der Ferne. Tocqueville, Weber und Adorno in den Vereinigten Staaten. Adorno-Vorlesungen 2003. Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2004; 144 S.; kart., 14,80 €; ISBN 3-518-58399-9Nicht erst die Auseinandersetzungen infolge des aktuellen Irak-Krieges haben gezeigt, dass der europäische Blick auf die USA stets auch ein Unternehmen der Selbstauslegung europäischer Identität ist. Weil beide - Europa und Amerika - die Tradition der westlichen Modernisierung bilden, stellt sich für den vergleichenden Blick die Frage, „ob im Laufe der Zeit wir wie sie oder vielmehr sie wie wir sein werden und, falls keines von beiden, wie sich fortbestehende Differenzen erklären und bewerten lassen" (10). Als Material seiner Adorno-Vorlesungen hat Offe Reflexionen und Diagnosen dreier berühmter Amerikareisender gewählt, die sich freilich unter ganz unterschiedlichen Bedingungen in den Vereinigten Staaten aufgehalten haben: Alexis de Tocqueville (1831-1832), Max Weber (1904) und Theodor W. Adorno (1938-1949). Die so entworfenen Amerikabilder artikulieren zwar in ähnlicher anerkennender Weise die Beobachtung der egalitären und kooperativen amerikanischen Alltagskultur, aber sie differieren doch deutlich in ihren modernisierungskritischen Diagnosen. Während Tocqueville den Vereinigten Staaten die Rolle einer demokratischen Avantgarde zuspricht und Weber (durchaus im allerdings nicht explizierten Anschluss an Tocqueville) das assoziative Potenzial der puritanischen Sekten hervorhebt, sieht Adorno im Amerika seiner Zeit vor allem die Wirkung einer erfolgreichen Kulturindustrie. Offe nutzt diese Interpretationen auch dafür, um auf „einen entscheidenden, angesichts der Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aktualisierten Revisionsbedarf" (125) jener modernisierungstheoretischen Vorstellungen hinzuweisen, von denen die drei Autoren noch überzeugt waren. Die Vereinigten Staaten hätten mittlerweile nämlich weltweit eine derart singuläre Position - in geostrategischer, machtpolitischer und legitimatorischer Hinsicht - eingenommen, dass man das viel beschworene „transatlantisch-inklusive [...] Konzept [...] des ‚Westens' und seiner okzidentalen Wertegemeinschaft" kritisch überprüfen müsse (126).
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.2 | 5.46 | 5.42 | 5.33 | 2.64 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Claus Offe: Selbstbetrachtung aus der Ferne. Frankfurt a. M.: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22642-selbstbetrachtung-aus-der-ferne_25835, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 25835
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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