/ 05.06.2013
Victor Klemperer
So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Tagebücher 1945-1959. Hrsg. von Walter Nowojski, unter Mitarbeit von Christian Löser
Berlin: Aufbau-Verlag 1999; 1.822 S.; geb., 98,- DM; ISBN 3-351-02393-6Der letzte Abschnitt der Klemperer-Tagebücher, der wieder in zwei umfangreichen (und trotzdem noch erheblich gekürzten) Bänden und insgesamt über 1.800 Seiten vorliegt, ist in gewisser Weise der für Politikwissenschaftler interessanteste. In diesen Jahren ist Klemperer nicht nur leidender Beobachter, nicht nur Romanistik-Professor, sondern er versucht, Politik aktiv zu gestalten. Nach dem Kriegsende schließt er sich der SED und dem Kulturbund an und spielt in beiden Organisationen eine kleine Rolle - für seinen Geschmack eine oftmals zu kleine Rolle. Die Tagebücher offenbaren eine in vielfacher Hinsicht gespaltene Persönlichkeit. Einerseits knüpft Klemperer an seine wissenschaftliche Tätigkeit an, hat dabei aber beständig das nagende Gefühl, nicht gemäß seinen Fähigkeiten und Verdiensten beachtet zu werden. Die oftmals verletzte Eitelkeit kann durchaus mit der eines anderen großen Tagebuchschreibers, Thomas Mann, konkurrieren. Überall wittert er Kabalen und Intrigen, er beklagt sich bitter über ausbleibende oder zu späte oder zu geringe Ehrenbezeugungen ihm gegenüber, und zugleich notiert er in späteren Jahren zunehmend resigniert und ergreifend die abnehmende wissenschaftliche Schaffenskraft. Im politischen Bereich will er mitarbeiten, wird aber schnell und zunehmend enttäuscht von der Entwicklung der SBZ und DDR, die er zwar prinzipiell gutheißt, deren Fehler und Falschheiten aber seinem geübten Auge nicht entgehen können. Äußere Konformität und Zustimmung ist eine Sache, aber die wahren Gefühle brechen sich im Tagebuch ihre Bahn. Wie Klemperer vor 1945 die LTI beobachtet und notiert hat, beginnt er jetzt, mit nicht minder scharfem Ohr die "LQI" aufzuschreiben, natürlich ohne Hoffnung, sie jemals zu veröffentlichen. Schon am 4. Juli 1945 heißt es: "LTI weiterlebend" (1. Bd., 38), und am 16. August ist Klemperer bereits resigniert; "ich sehe keinen Unterschied (außer dem Vorzeichen) zwischen LTI u. LQI" (1. Bd., 76). Die bescheidene Karriere als Politiker bringt Klemperer ein Abgeordnetenmandat; die Sitzungen in der Volkskammer sind ihm zuwider (etwa 2. Bd., 664, 12. Dezember 1957), aber sein Mandat legt er natürlich nicht nieder. Zum 17. Juni findet sich nicht viel, aber doch ein paar klare Worte: "Widerlich, wie man den Sieger spielt. Aber nur die russischen Panzer haben geholfen. [...] Ekelhaft die Erklärungen des ganz besonders festen Vertrauens in unsere Regierung." (2. Bd., 389, 20. Juni 1953) Diese inneren Widersprüche finden sich fast auf jeder Seite des Tagebuches. Es sind die Widersprüche eines bürgerlichen Intellektuellen, der nach den schrecklichen Erfahrungen des Nationalsozialismus sein persönliches Los wie den Gang der deutschen Geschichte mit dem Kommunismus verbindet. Wenig später, fast zur gleichen Zeit, erkennt er dies als Irrweg, aus dem er sich gleichwohl nicht mehr zu lösen vermag; weder geistig noch äußerlich. Insoweit ist dieses Tagebuch nicht nur eine bemerkenswerte Quelle, sondern auch die traurige Chronik eines Scheiterns.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.313 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Victor Klemperer: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Berlin: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7906-so-sitze-ich-denn-zwischen-allen-stuehlen_10480, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10480
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Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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