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/ 11.06.2013
Helmut Brentel

Soziale Rationalität. Entwicklungen, Gehalte und Perspektiven von Rationalitätskonzepten in den Sozialwissenschaften

Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1999; 530 S.; brosch., 58,- DM; ISBN 3-531-13362-4
Gesellschaftswiss. Habilitationsschrift Frankfurt a. M.; Gutachter: W. Schumm, T. Siegel. - Die Arbeit bietet eine übersichtliche und dichte Darstellung der verschiedenen sozialwissenschaftlichen Rationalitätskonzepte. Ihr Verdienst ist die eindrucksvolle und strukturierte Auflösung aller möglicherweise vorhandenen unreflektierten Vorstellungen von einer einheitlichen Rationalität. Es werden die modellistischen Grundannahmen und die empirische Reichweite der einflußreichsten Rationalitätskonzepte in der ökonomischen Theorie (Neoklassik und neoklassische Umweltökonomie), in der Rational Choice-Theorie, in der Organisationstheorie und der Anerkennungstheorie diskutiert. Dies geschieht nicht aus einer – quasi abgeschlossenen – Perspektive, die im Anschluß etwa als einzig legitime, überwölbende und integrierende präsentiert wird. Statt dessen folgt der Darstellung der einzelnen Konzepte eine solche der verschiedenen integrativen Blickwinkel samt ihrer spezifischen, eingeschränkten Sichtweisen und speziellen Voraussetzungen, nämlich ihrer unterschiedlichen Annahmen zu den (sozialen) Kompetenzen der betrachteten Akteure. Der Dreh- und Angelpunkt der Arbeit ist damit die Ansicht, daß "die Bildung von Rationalitätstypen und Rationalitätssemantiken als Modellierungen und Stilisierungen der Akteure, ihrer Kompetenzen und der sozialen Grundsituationen, in denen sie aufeinander treffen, verstanden werden müssen" (468). Durch das gewählte Vorgehen werden zentrale Fragestellungen der Politikwissenschaft – "Warum Politik?", "Politik in welcher Verfaßtheit?" - in den dominierenden paradigmatischen Sichtweisen betrachtet. Eine leicht überarbeitete Fassung der Arbeit, die die z. T. dichte, voraussetzungsvolle Sprache entzerrt, aber weiterhin auf die bereits vorhandenen, äußerst übersichtlichen Matrizen zu den einzelnen Rationalitätskonzepten setzt, würde sich sehr für z. B. einführende Veranstaltungen im Rahmen des politikwissenschaftlichen Studiums eignen. Der späte Aha-Effekt einiger Studentinnen und Studenten am Ende ihres Studiums, der mit einer gefundenen Struktur für die unterschiedlichen wissenschaftlichen Sichtweisen einhergeht und einen Überblick zu verleihen vermag, könnte so erheblich vorgezogen und zu einem befriedigenderen Studium führen, weil sein roter Faden bewußt selbst bestimmt werden könnte. Inhaltsübersicht: I. Die Rekonstruktion sozialer Rationalität: 1. Rationalitätsbegriffe und Rationalitätstheorien; 2. Begründungsprobleme ethischer Theorien; 3. Fragestellungen und Forschungsprobleme. II. Neoklassik und neoklassische Umweltökonomie: 4. Grundzüge der neoklassischen Theorie; 5. Elemente einer empirischen Kritik; 6. Grundzüge einer theoretischen Kritik; 7. Die neoklassische Umweltökonomie. III. Theorien rationaler Wahlhandlung: 8. Das Feld der Rational Choice-Theorie; 9. Die Begründung sozialer Ordnung; 10. Avancierte utilitaristische Vernunft; 11. Unvollständige Rationalität. IV. Organisationale Rationalitäten: 12. Zweckrationalität und Systemrationalität. Von Max Weber zu Niklas Luhmann: Paradigmenwechsel in der Organisationslehre; 13. Organisationale Rationalität als Garbage Can-Prozeß. Das non-decision-Modell von James March und Johan Olsen; 14. Organisationale Rationalität als Machtspiel. Ein soziologischer Blick auf die Entscheidungs- und Systemlogik durch Michel Crozier und Erhard Friedberg. V. Anerkennung als Maßstab sozialer Rationalität: 15. Hegels Konzeption von Sittlichkeit und Anerkennung als Kritik des Naturrechts; 16. Struktur und Gehalt des Anerkennungskonzeptes in den Jenenser Schriften; 17. Anerkennung als moralische Logik sozialer Konflikte bei Axel Honneth; 18. Anerkennung als Emanzipationsmodell dialektischer Vermittlungsverhältnisse bei Jürgen Ritsert; 19. Gegenseitiges Anerkennen als Vision jenseits polarisierter Welten bei Jessica Benjamin. VI. Konstruktion und Kriterien sozialer Rationalität. Ein Resümee: 20. Die Modellierung bereichsspezifischer Rationalitäten; 21. Polarität und Vermittlung: Probleme integrierender Ansätze; 22. Probleme und Perspektiven einer Theorie sozialer Rationalität; 23. Soziale Rationalität.
Christian Schütze (ChS)
Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 5.25.45 Empfohlene Zitierweise: Christian Schütze, Rezension zu: Helmut Brentel: Soziale Rationalität. Opladen/Wiesbaden: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10395-soziale-rationalitaet_12289, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 12289 Rezension drucken
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