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/ 17.06.2013
Herbert Grziwotz / Winfried Döbertin

Spaziergang durch die Antike. Denkanstöße für ein modernes Europa

Darmstadt: Primus Verlag 2002; 191 S.; kart., 14,90 €; ISBN 3-89678-426-9
Vollmundig verkünden Vorwort und Klappentext des Bandes, es gelte, vor dem Hintergrund der griechischen, römischen und jüdisch-christlichen Fundamente Europas einige der modernen Fragestellungen neu zu beantworten. So zwinge etwa der Anschlag vom 11. September 2001 zu neuem Nachdenken über den eigenen Standpunkt und zur Neubewertung der Überzeugung von der Möglichkeit eines sicheren Lebens. Was jedoch folgt, ist bereits in der einleitenden Ausformulierung dieser Fragen eine nicht mehr als in Gemeinplätzen und Plattitüden agierende und kaum verdeckt modernitätsscheue Betroffenheitsbezeugung: "Die Vergeudung natürlicher Ressourcen, die Zerstörung der Umwelt, der unverantwortliche Umgang mit den Mitgeschöpfen, der nicht erst seit der BSE-Krise deutlich wird, das Klonen von Tieren und Menschen und die unbegrenzten Möglichkeiten der modernen Kommunikationstechnologien zeigen die Grenzen der menschlichen Machbarkeit auf. Die Menschheit scheint sich selbst und die Welt unaufhaltsam zu zerstören." (10) Dabei werden die in der Tat virulenten Probleme jenseits ihrer hier bloß sammelnden Nennung, und entgegen dem Anspruch ihrer Neubewertung durch antikes Denken, auch im Text nirgends analytisch angegangen, sondern bestenfalls als bemühte Aktualitätsbezüge herangezogen. So wird etwa aus der knappen Schilderung des mythologischen eisernen Zeitalters der Griechen heraus klagend auf den vermeintlichen Zweckpessimismus der heutigen (als einer reformunwilligen) Gesellschaft rekurriert, in der ältere Menschen lieber sterben wollen als ihren Kindern bei Pflegebedürftigkeit zur Last zu fallen, und in der feindliche Übernahmen in der Wirtschaft Betriebsstätten und damit auch Arbeitsplätze vernichten. Oder die Episode von Eos, die von den Göttern für ihren Geliebten zwar Unsterblichkeit erlangte, dabei aber die Bitte um ewige Jugend vergaß, wird zum assoziativen Aufhänger, an den sich durchaus Fragen der Medizinethik hätten anschließen können. Deren Behandlung aber verliert sich sogleich in Plattitüden von dem Schlage, Schönheitschirurgie und Kosmetikindustrie hätten den Menschheitstraum von der ewigen Jugend auch nicht erfüllen können. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Ohne jeden Anmerkungsapparat ist der gesamte Text ein rein assoziativer Abriss der in vielen Fällen ohnehin bereits bekanntesten Versatzstücke aus Christentum und griechisch-römischer Antike - zwar gut lesbar, aber mit wenig substanziell Neuem und mit noch weniger brauchbaren Anregungen für ein modernes Europa.
Thomas Nitzsche (TN)
M. A., Fachreferent für Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena (ThULB).
Rubrizierung: 5.31 Empfohlene Zitierweise: Thomas Nitzsche, Rezension zu: Herbert Grziwotz / Winfried Döbertin: Spaziergang durch die Antike. Darmstadt: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16924-spaziergang-durch-die-antike_19442, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 19442 Rezension drucken
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