/ 05.06.2013
Richard Breitman
Staatsgeheimnisse. Die Verbrechen der Nazis - von den Alliierten toleriert. Aus dem Amerikanischen von Ursel Schäfer und Heike Schlatterer
München: Karl Blessing Verlag 1999; 415 S.; geb., 44,90 DM; ISBN 3-89667-056-5"Das neue Quellenmaterial, das ich in diesem Buch vorstellen und analysieren möchte, zeigt, daß große Teile der Ordnungspolizei an der ersten Phase des Holocaust beteiligt waren." (14) Bei dem angesprochenen Material handelt es sich um Abschriften von Funksprechmeldungen der deutschen Polizei und der SS aus den Jahren 1941 bis 1943. Sie waren praktisch gleichzeitig vom britischen Nachrichtendienst entschlüsselt und ausgewertet worden. Ein Teil der entschlüsselten Meldungen wurde bis 1943 dem sowjetischen Nachrichtendienst im Austausch gegen weitere, nicht entschlüsselte Funksprüche zugänglich gemacht; ab 1944 leitete man das entschlüsselte Material dann auch an amerikanische Stellen weiter. Erst 1996 in den USA und erst 1997 in Großbritannien ist die Öffentlichkeit (und auch die Geschichtsforschung) über die Existenz dieser Akten in Kenntnis gesetzt und ein Teil davon zur Einsicht freigegeben worden. Die langwierige Feststellung und Erschließung des Quellenmaterials (die der Autor in einem ausführlichen, im Hinblick auf die Probleme wissenschaftlicher Archivrecherche äußerst aufschlußreichen Epilog rekonstruiert) gibt der Studie ihren zweiten Fluchtpunkt: die jahrzehntelange Geheimhaltung wirft die Frage nach ihrer möglichen Begründung im Inhalt der Meldungen auf. So wertet der Autor das Quellenmaterial dahingehend aus, ein möglichst umfassendes und detailliertes Bild des Vorgehens der militarisierten Bataillone der deutschen Ordnungspolizei in Osteuropa von 1941 bis 1943 zu entwickeln und damit die oben zitierte Kernthese seiner Studie zu stützen. Parallel dazu unterzieht er die Behandlung und Bewertung der entschlüsselten Meldungen durch die britischen (und später auch amerikanischen) Militär- und Regierungsstellen einer Kritik, die sich daran orientiert, welche Schlüsse aus den vorhandenen Informationen über die systematische Vernichtung von Juden in Osteuropa gezogen wurden und welche Reaktionen darauf erfolgten. Dem sorgfältig abgewogenen Urteil des Verfassers in dieser Frage entspricht der tendenziöse Titel der deutschen Ausgabe leider nicht. Der amerikanische Originaltitel lautet schlichter (und genauer): "What the Nazis Planned, What the British and Americans Knew".
Michael Hein (HN)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
Rubrizierung: 2.312
Empfohlene Zitierweise: Michael Hein, Rezension zu: Richard Breitman: Staatsgeheimnisse. München: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7938-staatsgeheimnisse_10525, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 10525
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
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