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/ 21.06.2013
Jens Gieseke (Hrsg.)

Staatssicherheit und Gesellschaft. Studien zum Herrschaftsalltag in der DDR

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2007 (Analysen und Dokumente 30); 391 S.; geb., 27,90 €; ISBN 978-3-525-35083-6
Der Band geht auf eine Tagung zurück, zu der sich im März 2006 in Berlin rund 50 Wissenschaftler auf Einladung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen trafen. Ihre Beiträge zeichnen sich dadurch aus, dass mit ihnen der „Übergang von einer apparatzentrierten zu einer wirkungsgeschichtlich zentrierten Forschung“ (7) vollzogen wird, wie der Herausgeber einleitend schreibt. Die Debatte um die Wirkungsmacht und die Grenzen des Stasi-Einflusses werde damit zur Gesellschaftsgeschichte der DDR insgesamt geöffnet, zudem finde eine systematische Reflexion über den Umgang mit den Stasi-Akten statt. Dementsprechend besteht der Band aus Beiträgen über sowohl theoretische und quellenkundliche Erwägungen als auch über die Präsenz der Staatssicherheit im Alltag. Konkret geht es um die Frage, was deren „‚flächendeckende’ Präsenz“ (8) bedeutete. Interessant ist, dass Gieseke der Forschung zum Nationalsozialismus Anregungen entnimmt, ohne die Regime zu vergleichen – durch diese Herangehensweise wird gleichwohl der Blick auf deren Funktionsweisen geschärft. Hervorragend sind auch die theoretischen Beiträge von Lindenberger und Behrends, in denen das Erklärungsmodell des Eigen-Sinns ausdifferenziert und die Herrschaft des SED-Regimes als eine soziale Praxis aufgeschlüsselt wird, in der die Beherrschten (angelehnt an Foucault) auch als Akteure zu betrachten sind. Von Bedeutung ist der Hinweis darauf, dass die DDR einzuordnen ist in den globalen Wandel und in dem Kontext zu betrachten ist, der sich durch das Ende des Industriezeitalters ergibt. Behrends plädiert deshalb für eine „stärkere Verflechtung zwischen der historischen Kommunismusforschung und der Sozialgeschichte Westeuropas“ (71) – ein Ansatz, der Zugang zu neuen erhellenden Erklärungen bietet und mit der zunehmenden Entfernung vom Zeitalter der ideologischen Gegensätze zwischen Ost und West möglich sein sollte. Auch die verschiedenen Beiträge über den Alltag unter den Augen der Staatssicherheit bieten aufschlussreiche Erkenntnisse – wie etwa der Nachweis über deren Unvermögen, die Entscheidungsfindung der politisch Verantwortlichen zu beeinflussen.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Jens Gieseke (Hrsg.): Staatssicherheit und Gesellschaft. Göttingen: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28037-staatssicherheit-und-gesellschaft_32960, veröffentlicht am 27.03.2008. Buch-Nr.: 32960 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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