/ 05.06.2013
Frank Müller
Streitfall Drogen
Düsseldorf: Patmos Verlag 1999; 188 S.; 29,80 DM; ISBN 3-491-72409-0Der Titel sowie die letzte Umschlagseite versprechen viel: Vor dem Hintergrund überfälliger Reformen beleuchte das Buch "die Geschichte der Rauschmittel der Menschheit bis hin zu den Modedrogen der 90er Jahre, blickt kenntnisreich hinter die Fassaden der internationalen Drogenpolitik und Drogenwirtschaft [und...] analysiert den Drogenstandort Bundesrepublik Deutschland". Außerdem plädiere der Autor für koordinierte Prävention und "leistet dringend notwendige Klärung in Fragen konkreter, nicht-ideologischer Suchtbekämpfung". Allein, der Inhalt befriedigt die gehegten Erwartungen kaum. Zwar werden alle Bereiche angesprochen; meist aber auch nicht mehr. Der erste der zwei Teile des Buches behandelt die Geschichte der Rauschmittel. Er besteht vor allem aus Kurzvorstellungen einzelner Rauschmittel, die sowohl über weniger bekannte Stoffe wie Tabernanthe Iboga als auch über die "üblichen" Drogen wie Kokain informieren, Nikotin und Alkohol aber ignorieren. Kaum nachzuvollziehen ist die Gewichtung: Während etwa Lophophora Peyote oder dem relativ harmlosen Cannabis deutlich über zwei Seiten eingeräumt werden, beschränken sich die Informationen über das die Drogenproblematik maßgeblich beeinflussende Heroin auf eine knappe Seite. Die Angaben sind dabei nicht immer genau und aktuell: Beispielsweise schreibt Müller, es sei strittig, "ob Cannabisprodukte eine physische Abhängigkeit hervorrufen können". Dies wird heute von fast keinem seriösen Forscher mehr behauptet. Hätte Müller stärker auf neuere Literatur zurückgegriffen (zum Stand der Cannabisforschung etwa Raschke/Kalke: Cannabis in Apotheken, 1996 [siehe ZPol 4/98: 1.587]), dann hätte er den neuen Forschungsstand auch berücksichtigen können. Doch 27 seiner 45 im Literaturverzeichnis genannten Werke sind älter als zehn Jahre, 17 sogar älter als 20 Jahre. Die Defizite bei den fachlichen Details versucht der Autor scheinbar durch Spektakuläres, aber doch Irrelevantes auszugleichen: Der thematische Bezug des Hinweises, daß es 1946 schon einen eigenständigen kurdischen Staat gab, blieb dem Rezensenten jedenfalls ebenso verborgen wie der auf die Vorbildfunktion der PLO für die IRA und für die deutsche RAF. Für politikwissenschaftlich Interessierte scheint der Abschnitt "Die Parteiensysteme als Spiegel der Positionen der Bevölkerung. Wie Polemik und Ideologie die Suchtbekämpfung erschweren" beachtenswert. Doch leider finden sich hier nach einer ersten einleitenden Seite, in der Müller ideologisch geführte Debatten als Hauptgrund für mangelnde Koordination in der Prävention geißelt (164), auf zwölf Seiten praktisch kommentarlos Stellungnahmen der Parteien zur Drogenproblematik bzw. –politik dokumentiert. Fazit: Das Buch eignet sich weder für den wissenschaftlichen Gebrauch noch empfiehlt es sich zur Einführung in die Problematik oder als Ratgeber für betroffene Angehörige.
Detlef Lemke (Le)
Dipl.-Politologe.
Rubrizierung: 2.263 | 2.343
Empfohlene Zitierweise: Detlef Lemke, Rezension zu: Frank Müller: Streitfall Drogen Düsseldorf: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8297-streitfall-drogen_10930, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10930
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Dipl.-Politologe.
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