Skip to main content
/ 22.06.2013
Nicole Colin / Matthias N. Lorenz / Joachim Umlauf (Hrsg.)

Täter und Tabu. Grenzen der Toleranz in deutschen und niederländischen Geschichtsdebatten

Essen: Klartext 2011 (Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte - Neue Folge 25); 172 S.; 22,- €; ISBN 978-3-8375-0346-3
Die Analyse historischer Tabus ist immer auch eingebunden in die jeweils aktuellen politischen Realitäten und herrschenden Diskurse. Dem Herausgeberteam zufolge kann als ein solches historisches Tabu noch immer die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus bezeichnet werden. Im Sammelband wird diese Zeit im Kontext der niederländischen Geschichtsdebatte um die sogenannte Graue Vergangenheit untersucht. Diese Auseinandersetzung ist im Wesentlichen von der Absicht geprägt, die Grenzen historischer Tabus neu zu verorten. Derartige niederländische Diskurse sind in Deutschland bislang weitgehend unbekannt und auch wissenschaftlich kaum reflektiert. In den elf Beiträgen wird daher sowohl die Innen- als auch die Außenperspektive der Geschichtsdebatte betrachtet. Besonders hervorzuheben ist, dass zwei der Protagonisten des Streites im Band selbst zu Wort kommen. Zunächst plädiert Chris van der Heijden für historische Korrektheit jenseits der politischen. Im direkten Anschluss folgt die Antwort seiner vehementesten Kritikerin Evelin Gans, die van der Heijden Nivellierungstendenzen und sekundären Antisemitismus unterstellt. Auch die folgenden Beiträge sind durchzogen von der wissenschaftlichen Debatte, ob der Historiker moralische Kategorien in seiner Arbeit berücksichtigen darf, soll, muss oder inwieweit er sich davon zu befreien hat. Die Komplexität der Debatte wird im Beitrag von Gerhard Hirschfeld deutlich, der sich mit den Diskursen der französischen und niederländischen Kollaboration mit Deutschland in den während des Zweiten Weltkriegs besetzten Gebieten auseinandersetzt. Im Sammelband wird jedoch nicht nur die geschichtswissenschaftliche Facette des Diskurses erörtert, sondern es werden auch literatur- und medienwissenschaftliche Perspektiven und Fallbeispiele aufgenommen. Anat Feinberg etwa zeigt, wie scheinbar unerhört radikal sich der Künstler George Tabori bereits in den 60er-Jahren über Tabus hinwegsetzte und die argumentative Herangehensweise von Quentin Tarantino in seinem Film „Inglorious Basterds“ somit keine Neuheit darstellt.
Anja Franke-Schwenk (AF)
Dr. des., wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften (Bereich Politikwissenschaft), Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.232.612.3122.35 Empfohlene Zitierweise: Anja Franke-Schwenk, Rezension zu: Nicole Colin / Matthias N. Lorenz / Joachim Umlauf (Hrsg.): Täter und Tabu. Essen: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34100-taeter-und-tabu_40900, veröffentlicht am 08.09.2011. Buch-Nr.: 40900 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA