/ 22.06.2013
Walburg Steurer
tot geschwiegen. Das "testamento biologico" in der italienischen Sterbehilfe-Debatte
Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2012 (Politik und Demokratie 24); 205 S.; 39,80 €; ISBN 978-3-631-60725-1Diplomarbeit Wien; Begutachtung: H. Gottweis. – Die Debatte um die Frage nach der Legitimität und Legalität der Sterbehilfe in ihren unterschiedlichen Formen sorgt in vielen westlichen Ländern für leidenschaftliche Diskussionen. Steurer analysiert diese Debatte in Italien für den Zeitraum von 2006 bis 2009, in dem dort besonders intensiv über das Thema diskutiert wurde. Konkret geht es um die Legalisierung von Patientenverfügungen („testamento biologico“), verbunden mit der Frage, warum diese in Italien nicht zustande gekommen ist. Dafür nutzt die Autorin als Form der Diskursanalyse eine „Frame Analyse“, bei der davon ausgegangen wird, dass sich hinter den Argumenten der Akteure verschiedene Weltsichten verbergen. Das Ziel der Autorin ist, diese „Rahmen“ (2), also tiefe Überzeugungen und Ideologien, in der Debatte um das Patientenverfügungsgesetz in Italien aufzudecken und aufzuzeigen, wie sie auf den Gesetzgebungsprozess wirkten. Zunächst legt sie ihre theoretischen Prämissen dar, wozu u. a. Ausführungen zur Biopolitik im Anschluss an Foucault und Agamben mit entsprechenden Thesen zu neuen Techniken des Regierens über das Leben sowie zur Bedeutung von Sprache und Schweigen als Formen der Machtausübung gehören. Auch wird auf den italienischen Kontext eingegangen, um die Besonderheiten der Positionen und Begrifflichkeiten nachvollziehen zu können. Der empirische Teil besteht aus einer Analyse von italienischen Zeitungen und Internetseiten relevanter Akteure wie Regierung, Ärzte und die mächtige katholische Kirche. Die „Frames“ werden anhand von Patientenfällen, die für Kontroversen gesorgt haben, dargestellt. Steurer erkennt zwei dominante Positionen: Auf der einen Seite stehe das Selbstbestimmungsrecht des Patienten mit den Fragen der Reichweite der Entscheidungsfreiheit und der legitimen Einschränkung dieser Selbstbestimmung. Habe diese Diskussion vor allem anfangs die Debatte geprägt, ist es Steurer zufolge mit der Zeit zu einer Verlagerung gekommen: Zum dominanten „Frame“ habe sich nun die Diskussion über die Definition von Leben und Tod entwickelt, die sich vor dem Hintergrund gestellt habe, inwieweit das Leben eines Menschen im Wachkoma noch als solches zu bezeichnen sei oder ob es sich hierbei nur noch um eine biologische Existenz handele. Die Autorin vermutet schließlich, dass der Grund der Nichtverabschiedung des Patientenverfügungsgesetzes in Italien darin liegt, dass das Thema zu umstritten sei und deshalb von der Regierung lieber „tot geschwiegen“ werde. Somit bestehe eine rechtliche Grauzone mit einem Ausnahmezustand, „innerhalb dessen ein Souverän direkt auf das Krankenzimmer zugreifen und bestimmen kann, was ‚leben muss‘ und was ‚sterben darf‘, während der Bürger einen Teil seiner Grundrechte verliert“ (150).
Jan Achim Richter (JAR)
Dipl.-Politologe, Doktorand, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.61 | 2.22 | 2.23 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Jan Achim Richter, Rezension zu: Walburg Steurer: tot geschwiegen. Frankfurt a. M. u. a.: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35327-tot-geschwiegen_42547, veröffentlicht am 13.09.2012.
Buch-Nr.: 42547
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Dipl.-Politologe, Doktorand, Universität Hamburg.
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