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/ 20.06.2013
Hannah Arendt

Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. Aus dem Nachlaß hrsg. von Jerome Kohn. Übersetzt aus dem Englischen von Ursula Ludz. Mit einem Nachwort von Franziska Augstein

München/Zürich: Piper 2006; 200 S.; geb., 19,90 €; ISBN 978-3-492-04694-7
Arendt verfolgte im Auftrag des „New Yorker“ 1961 den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem – ihr 1963 publizierter Prozessbericht löste seinerzeit etliche Kontroversen aus. Dies nicht zuletzt wegen ihrer berühmten Formulierung von der „furchtbaren Banalität des Bösen“, mit der sie das historisch Einmalige des Holocausts zu bezeichnen versuchte, „vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert“. Sie hat die Frage nach dem Bösen – dann allerdings explizit im moralphilosophischen Kontext – in Vorlesungen wieder aufgegriffen, die sie 1965 an der New York School for Social Research hielt. Diese vierteilige Vorlesung über „Some Questions of Moral Philosophy“ erscheint hier erstmals in deutscher Sprache. Die Textgestalt folgt der amerikanischen Ausgabe von 2003, der das von Hannah Arendt noch überarbeitete, aber nicht abschließend durchredigierte Manuskript zugrunde liegt. Die Vorlesung diente ihr – gerade auch mit Blick auf die Reaktionen, die ihr Buch über den Eichmann-Prozess hervorgerufen hatte – zur Selbstverständigung. Der Ausgangspunkt ist hier wie dort der totale Zusammenbruch aller geltenden moralischen Normen im öffentlichen und im privaten Leben in den 30er- und 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Verglichen mit den Verbrechen der Nazis seien die Stalins sozusagen altmodisch gewesen, weil sie stets geleugnet oder hinter einer Wolke der Heuchelei verborgen wurden. Das Nazi-Regime hatte dagegen einen neuen Wertekanon angekündigt – damit stehe moralisch eigentlich nicht das Verhalten der Nazis zur Debatte, sondern das derjenigen, die sich nur „gleichschalteten“ und nicht aus Überzeugung handelten. Gegen die sich darin ausdrückende moralische Entpersonalisierung des Selbst setzt Arendt – in intensiver Auseinandersetzung mit Kant – dann die Idee einer autonomen Person, die nicht so handelt, dass sie sich selbst moralisch verachten müsste.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.425.44 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Hannah Arendt: Über das Böse. München/Zürich: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25800-ueber-das-boese_29948, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 29948 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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