Skip to main content
/ 22.06.2013
John Rawls

Über Sünde, Glaube und Religion. Hrsg. von Thomas Nagel. Aus dem Amerikanischen von Sebastian Schwark

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2010; 343 S.; geb., 26,90 €; ISBN 978-3-518-58545-0
Für den philosophisch interessierten Leser dürfte die neueste Edition nachgelassener Schriften von John Rawls eine besondere Herausforderung sein: Denn bevor er sich mit philosophischen Fragen beschäftigte und später eine rationale Theorie der Gerechtigkeit entwarf, interessierten ihn als orthodox-episkopalen Christen theologische Fragen, wovon seine hier veröffentlichte Bachelorarbeit „Eine kurze Untersuchung über die Bedeutung von Sünde und Glaube“ von 1942 zeugt. In welchem Zusammenhang steht diese Arbeit zu seinen späteren Schriften? Obwohl der Text kaum politische Bezüge aufweist und primär eine neuorthodoxe Auslegung der Bibel – im Sinne Emil Brunners und Philip Leons – ist, lässt sich die Argumentation auch als eine ethische Theorie lesen, die einige zentrale Motive seiner späteren Arbeiten vorwegnimmt. So findet sich seine Absage an den Deismus, den er Naturalismus nennt und vor allem bei Platon und Augustinus auszumachen glaubt, später in säkularisierter Form in seiner Kritik eudämonistischer, utilitaristischer, perfektionistischer Ethiken wieder. Gegenüber dem Natürlichen betont Rawls das Persönliche, sodass selbst seine frühe Betonung der Gemeinschaft – dies dürfte vor allem diejenigen irritieren, die Rawls nur aus der „Theory of Justice“ kennen – als interpersonales Beziehungsgeflecht ausgesprochen liberal bleiben muss. Mit Blick auf sein Hauptwerk ist auch seine frühe Kritik an der Hobbes’schen Vertragstheorie aufschlussreich, deren asozialer Egoismus zu radikal für den jungen Theologen Rawls gewesen ist und auch später kaum aufgegriffen wird. Dennoch sollte der Abstand zwischen seinen frühen und späten Ansichten nicht unterschlagen werden, wie auch der Abdruck des sehr persönlichen Essays „Über meine Religion“ von 1997 zeigt, in dem Rawls seine seit dem Weltkrieg wachsenden Zweifel wiedergibt und sich klarer zur Tradition des Vernunftrechts bekennt. Insgesamt ist das Buch allen empfohlen, die sich mit den Hintergründen des wohl wichtigsten politischen Philosophen des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen wollen. Der umfangreiche Kommentar von Robert Merrihew Adams hilft dabei maßgeblich, die theologischen Implikationen der Arbeit zu verstehen.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 5.42 Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: John Rawls: Über Sünde, Glaube und Religion. Frankfurt a. M.: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32510-ueber-suende-glaube-und-religion_38798, veröffentlicht am 11.01.2011. Buch-Nr.: 38798 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA