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/ 11.06.2013
Nanda van der Zee

"Um Schlimmeres zu verhindern ..." Die Ermordung der niederländischen Juden: Kollaboration und Widerstand. Aus dem Niederländischen von Bram Opstelten

München/Wien: Carl Hanser Verlag 1999; 344 S.; geb., 45,- DM; ISBN 3-446-19764-8
Man habe in den Niederlanden - schreibt die Autorin - "sehr lange Zeit übersehen, daß kein anderes Land sich so peinlich auf seine Kriegsvergangenheit besonnen hat, und nach wie vor besinnt, wie Deutschland" (314). Dieses bemerkenswerte Urteil der niederländischen Historikerin steht am Ende ihrer beeindruckenden Auseinandersetzung mit der nach 1945 von weiten Teilen der Öffentlichkeit ihres Landes akzeptierten und gepflegten Legende, die Mehrzahl der Niederländer hätte sich der Zusammenarbeit mit dem Nazi-Regime verweigert und sei zumal immun gewesen gegenüber der von den Besatzern geforderten Unterscheidung zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Niederländern. Tatsächlich wurden während des Zweiten Weltkriegs drei Viertel der niederländischen Juden ermordet; daß in keinem anderen westeuropäischen Land der nationalsozialistische Rassenwahn derartig wüten konnte, sei nur durch eine weitreichende Bereitschaft zur Mitwirkung an der Judenverfolgung zu erklären (43). Die Autorin stellt in diesem Zusammenhang einerseits die niederländische Flüchtlingspolitik heraus, die nach 1993 - deutlich vor der deutschen Okkupation - durch Einrichtung eines zentralen Lagers (Westerbork) zur Internierung der aus Deutschland geflohenen Juden wesentliche logistische Voraussetzungen der späteren Deportationen geschaffen hatte (9 ff.). Andererseits interpretiert sie die unmittelbar nach der Invasion (1940) erfolgte "Flucht von Krone und Kabinett" nach England als einen krassen Fall von Elitenversagen (165 ff.), der - vor dem Hintergrund der niederländischen Verfassung - den Nazis erlaubte, ihrer Zivilverwaltung (unter "Reichskommissar" Seyß-Inquart) den Mantel der Legalität umzuhängen und damit zugleich die Kollaboration wesentlich erleichterte. Inhalt: I. Die Situation der Juden in Deutschland vor 1933; II. Die Flüchtlingspolitik der Niederlande 1933-1940; III. Die Reaktionen in der Presse auf die Situation der Juden in Nazideutschland; IV. Aktionen der Bevölkerung und konkrete Unterstützung durch jüdische Hilfsorganisationen; V. Der "Joodse Raad" und David Cohen; VI. Die Flucht von Krone und Kabinett; die Staatssekretäre und der Oberste Gerichtshof; VII. Königin Wilhelmina und Radio Oranje; VIII. Die niederländische Exilregierung und Radio Oranje; IX. Polizei, Eisenbahn und das Lager Westerbork.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.3122.61 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Nanda van der Zee: "Um Schlimmeres zu verhindern ..." München/Wien: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10183-um-schlimmeres-zu-verhindern-_12045, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 12045 Rezension drucken
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