/ 21.06.2013
Marlene Klatt
Unbequeme Vergangenheit. Antisemitismus, Judenverfolgung und Wiedergutmachung in Westfalen 1925-1965
Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2009 (Forschungen zur Regionalgeschichte 61); X, 508 S.; 49,90 €; ISBN 978-3-506-76594-9Geschichtswiss. Diss. Heidelberg; Gutachter: H. Duchhardt, H.-U. Thamer. – Die Geschichte kennt zahllose Beispiele für die Verfolgung und materielle Schädigung von Minderheiten, aber entschieden weniger Bemühungen, entstandene materielle Schäden rückgängig zu machen. Dabei ist anzumerken, dass die Autorin gleich eingangs auf die Problematik des Begriffs der „Wiedergutmachung“ verweist. Vernichtung von Leben und sozialen Existenzen kann nicht wieder gut gemacht werden, vielmehr ging es nach dem Krieg um eine politisch-moralische Verpflichtung, sich als geläuterte Gesellschaft zu präsentieren und den Verfolgten eine Rechtsanspruch auf Rückgängigmachung oder Milderung entstandener Schäden einzuräumen, so Klatt. Im Zentrum der Arbeit steht die Frage, inwieweit die Wiedergutmachung für jüdische Verfolgte in der deutschen Nachkriegsgeschichte akzeptiert wurde und „in welchem Umfang die damit verbundenen politischen Vorgaben und moralischen Erwartungen angenommen und umgesetzt wurden“ (4). Klatts Resümee fällt ernüchternd aus. Nicht nur die Bundesregierung und insbesondere das Finanzministerium unter Fritz Schäffer hatten versucht, die Entschädigung aus Kostengründen hinauszuzögern, in der Konzeption der Entschädigungsgesetze zeigten sich zudem erhebliche bürokratische Hürden. So gab es bis 1965 eine knappe Antragsfrist von nur einem Jahr, während beispielsweise das Lastenausgleichsgesetz bis heute keine solchen Fristen kennt. Die Restitutionspraxis erwies sich in Westfalen für die Profiteure der „Arisierung“, Makler, Anwälte, Gutachter etc., als „ein profitables Geschäft“ (339). Klatt konstatiert nach 1945 weiterwirkende antisemitische Verhaltensweisen insbesondere der Beamtenschaft und somit auch ein Scheitern der Wiedergutmachung: „Die meisten Verfahren wurden mit einem Vergleich beendet, durch die die früheren ‚Ariseure’ ihre ‚Beute’ behalten durften“ (341). Insgesamt stellt Klatt damit für die deutsche Wiedergutmachungspolitik dieser Jahre heraus, dass sie vor allem außenpolitisch den Anschein eines Bruchs mit der NS-Vergangenheit erweckte, den die Praxis vor Ort jedoch nicht bestätigte.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.35 | 2.325 | 2.312 | 2.311
Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Marlene Klatt: Unbequeme Vergangenheit. Paderborn u. a.: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29564-unbequeme-vergangenheit_35000, veröffentlicht am 13.10.2009.
Buch-Nr.: 35000
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Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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