/ 11.06.2013
Andreas Belwe
Ungesellige Geselligkeit. Kant: Warum die Menschen einander 'nicht wohl leiden', aber auch 'nicht voneinander lassen' können
Würzburg: Königshausen & Neumann 2000 (Epistemata: Reihe Philosophie 263); 334 S.; brosch., 68,- DM; ISBN 3-8260-1724-2Philosoph. Diss. Witten/Herdecke. - Belwe versucht den Begriff der "ungeselligen Geselligkeit", den Kant in seiner Schrift über die "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" prägte, im Rahmen der kantischen Geschichtsphilosophie und Anthropologie zu rekonstruieren. These seines Buches ist es zugleich, dass Kants Begriff "gerade heute, im Zeitalter der widersprüchlichen Postmoderne, den Zwiespalt verstehen lässt zwischen Individualismus und dem Wunsch nach Zugehörigkeit im kleinen, zwischen Nationalismus und Globalisierung im großen" (9). Unter Zuhilfenahme (post-)moderner soziologischer und philosophischer Theorien gelingt es Belwe die von Kant als "Antriebskraft der Geschichte" (9) herausgestellte ungesellige Geselligkeit als ambivalente Grundstruktur individueller, sozialer und politischer Orientierungen bzw. Beziehungen fruchtbar zu machen. Die aktuellen Fragen um die Möglichkeit eines Weltbürgertums oder den Umgang mit dem Fremden könnten durch die Überlegungen Kants sinnvoll vorstrukturiert und besser verstanden werden. Die in Kants Begriff angelegte Spannung dient Belwe nicht zuletzt dazu, die besondere Fähigkeit der Demokratie als Konfliktbearbeitungsmechanismus, der Konflikte weniger "löst" als vielmehr "aushalten" kann, deutlich zu machen. Chaostheorie oder Gefangenen-Dilemma werden in diesem Zusammenhang sozusagen in kantisches Blickfeld gebracht. Die "ungesellige Geselligkeit" weise mithin eine Vielfalt von Bedeutungen "als sowohl konfliktär-antagonistisches als auch binnengesellschaftliches Ausgleichs- und reziprokes Regulationsverhältnis" (288) auf. Die damit in den Fokus geratene Ebene des zur Selbstvergewisserung wie zur Kommunikation notwendigen "Zwischen" eröffnet über Kant deutliche Bezüge etwa zur Dialogphilosophie Martin Bubers.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 5.42 | 5.33
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Andreas Belwe: Ungesellige Geselligkeit. Würzburg: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10425-ungesellige-geselligkeit_12320, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 12320
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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