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/ 22.06.2013
Benjamin Schröder / Jochen Staadt (Hrsg.)

Unter Hammer und Zirkel. Repression, Opposition und Widerstand an den Hochschulen der SBZ/DDR

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2011 (Studien des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin 16); XI, 432 S.; geb., 48,- €; ISBN 978-3-631-60523-3
Der Band geht auf eine Tagung des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin im Mai 2010 zurück. Anders als andere Tagungen dieser Art rief die Veranstaltung, genauer der Vortrag von Ilko-Sascha Kowalczuk, eine breite öffentliche Debatte über Kontinuitäten der DDR-Wissenschaft ins Leben. Kowalczuk ist ein renommierter Historiker auf dem Gebiet der DDR-Forschung mit besonderem Schwerpunkt in der Wissenschafts- und Universitätsgeschichte. In seinem Beitrag zur Revolution von 1989/90 an den DDR-Universitäten analysiert er unter anderem marxistisch-leninistische Argumentationsmuster in akademischen Qualifikationsarbeiten in der späten DDR. Ein Autor dieser Arbeiten ist Jan-Hendrik Olbertz, im Mai 2010 noch Kultusminister in Sachsen-Anhalt und designierter – heute amtierender – Präsident der Berliner Humboldt-Universität. Olbertz wurde 1981 in Halle im Fach Erziehungswissenschaften promoviert, 1989 legte er ebenda die Dissertation B (Habilitation) vor, 1992 wurde er Professor für Erziehungswissenschaft in Halle. Die folgende lebhafte Auseinandersetzung um den Grad der „Kontamination“ der Schriften und die Konsequenzen für die Eignung ihres Verfassers als Hochschullehrer und Universitätspräsident macht deutlich, dass die Auseinandersetzung mit dem Wissenschaftssystem der DDR eben nicht nur Geschichte ist, sondern in hohem Maße die Gegenwart betrifft. Nun enthält der Band nicht nur diese durchaus polemisch abgefasste Arbeit von Kowalczuk, sondern auch eine Vielzahl interessanter Forschungsberichte und Zeitzeugenerinnerungen. So kann etwa Tobias Kaiser einen beispielhaften Einblick in das Thema Repression und Opposition an der Universität Jena geben. Die hier zutage tretende Abfolge erscheint charakteristisch für die verschiedenen Phasen der Hochschulpolitik in der SBZ/DDR. Nach einer vergleichsweise gründlichen Entnazifizierung des Lehrkörpers folgt die Entfernung der bürgerlichen Professoren und die Abschaffung und Gleichschaltung der studentischen Selbstverwaltung. Diese Stalinisierung der Universität ist gekennzeichnet von willkürlichen Verhaftungen, Verschleppungen und mindestens zwei Todesurteilen durch die sowjetische Justiz. Infolge des Aufstandes vom Juni 1953 kam es zu abermaligen „Säuberungen“ von Lehrkörper und Studentenschaft. Die sich in de 70er-Jahren formierende Opposition führt zu einer weiteren Welle der Repression, die sich etwa an den Exmatrikulationen von Jürgen Fuchs, Siegfried Reiprich, Lutz Rathenow und Roland Jahn festmacht. Erfreulich an dem Buch erscheint ferner die deutliche Offenheit der Herausgeber, die uns wissen lassen, wer aus welchen Gründen eine Teilnahme an der Tagung abgesagt hat und wer die finanzielle Förderung verweigerte. Die Wissenschaftsgeschichte der DDR betrifft eben auch die Gegenwart ostdeutscher Universitäten.
Sebastian Lasch (LA)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Sebastian Lasch, Rezension zu: Benjamin Schröder / Jochen Staadt (Hrsg.): Unter Hammer und Zirkel. Frankfurt a. M. u. a.: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34512-unter-hammer-und-zirkel_41449, veröffentlicht am 22.12.2011. Buch-Nr.: 41449 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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