/ 22.06.2013
Rudolf Boch / Rainer Karlsch (Hrsg.)
Uranbergbau im Kalten Krieg. Die Wismut im sowjetischen Atomkomplex. Band 1: Studien
Berlin: Ch. Links Verlag 2011; 699 S.; geb., 39,90 €; ISBN 978-3-86153-653-6Die Geschichte des ostdeutschen Uranbergbauunternehmens Wismut wurde bisher vor allem in einer Reihe kleinerer Einzelstudien erforscht. Dazu zählen unter anderem frühe Arbeiten aus dem Kreis der DDR-Opposition (Michael Beleites’ legendäre „Pechblende“), regionalgeschichtliche Arbeiten aus dem Umfeld der Bergbautraditionsvereine, Zeitzeugenberichte, Selbstdarstellungen der Wismut GmbH und die zahlreichen Arbeiten von Rainer Karlsch. Mit diesem Band nun wird – jetzt zusammen mit einem zweiten Dokumentenband (siehe Buch-Nr. 41028) – eine umfassende wissenschaftliche Würdigung der Rolle der Wismut im sowjetischen Atomkomplex vorgenommen. Die Besonderheit dieses Studienbandes liegt in der Zusammenarbeit mit russischen Historikern und der dadurch möglichen Erschließung sowjetischer Archivalien. Erst auf diesem Fundament kann eine ausgewogene Beschreibung der sowjetisch-deutschen Aktiengesellschaft (SDAG) Wismut erfolgen. Aus politikwissenschaftlicher Perspektive erscheinen vor allem drei der Beiträge von Interesse. Wladimir W. Sacharow schildert die Bedeutung der Wismut – ohne das Uran aus dem Erzgebirge hätte es im August 1949 keine sowjetische Atombombe gegeben. Bis in die späten 60er-Jahre lieferte die Wismut etwa die Hälfte der Uranproduktion im Ostblock. Dabei war dieses Uran für die UdSSR besonders billig, weil die Lieferungen bis 1954 als Reparationsleistungen betrachtet wurden und danach ein sehr niedriger Preis gezahlt wurde. Insgesamt war der Uranbergbau für die DDR nicht rentabel und trug zur ökonomischen Destabilisierung wesentlich bei. Rainer Karlsch vergleicht die Bedingungen des Uranbergbaus in Ost und West. Im Ergebnis zeigt sich eine Reihe von Ähnlichkeiten: Sowohl die USA als auch die UdSSR waren vor allem in den Anfangsjahren des atomaren Wettrüstens von Importen abhängig. In den Exportländern (Belgisch-Kongo und Südafrika hier; die ČSSR und die DDR dort) wirkten die Produktionsbedingungen stabilisierend auf die repressiven politischen Verhältnisse. In beiden Hemisphären war der Uranbergbau staatlich gelenkt. In den Arbeitsverhältnissen ging es den Bergleuten des Ostblocks vergleichsweise besser, die Umweltschäden waren immer gravierend. Burghard Ciesla verdeutlicht die Sonderstellung der SED-Parteiorganisation Wismut. Sie hatte quasi den Status einer 16. Bezirksparteiorganisation. Auch der hohe Organisationsgrad der Beschäftigten – seit den 60er-Jahren gehörten etwa 40 Prozent der SED an – trug zur Sonderstellung dieser Betriebsparteiorganisation bei.
Sebastian Lasch (LA)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.314
Empfohlene Zitierweise: Sebastian Lasch, Rezension zu: Rudolf Boch / Rainer Karlsch (Hrsg.): Uranbergbau im Kalten Krieg. Berlin: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34197-uranbergbau-im-kalten-krieg_41027, veröffentlicht am 27.01.2012.
Buch-Nr.: 41027
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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