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/ 19.06.2013
Thomas Lemke

Veranlagung und Verantwortung. Genetische Diagnostik zwischen Selbstbestimmung und Schicksal

Bielefeld: transcript 2004 (xtexte); 139 S.; kart., 14,80 €; ISBN 3-89942-202-3
Der Ausgangspunkt für Lemkes Buch zum Thema Biopolitik ist die Zurückweisung der populären Annahme, die Anwendung genetischer Diagnostik bedeute eine zunehmende Biologisierung des Sozialen. Obwohl diese Perspektive durchaus einzelne Gefahren der Gentechnik erfasse, führe sie letztlich zu einem einseitigen Determinismus. Die Charakteristik der genetischen Analyse, die überwiegend Risiken statt akuter Krankheiten identifiziere, werde verkannt. Zudem vernachlässige sie auch die jeweiligen „Selbsttechnologien" (Foucault) der Betroffenen, die weniger als Kranke denn als Risikogruppen verstanden werden müssten. Der Autor zeigt, dass die Betroffenen keineswegs die Ergebnisse der Forschung teilnahmslos hinnehmen, sondern vielmehr politische Strategien entwickeln, um ihre Interessen durchzusetzen. Diese Entwicklung wird im Anschluss an Paul Rabinow „Biosozialität" genannt. Die Hauptaufgabe muss nach Lemke in der Überwindung eines antiquierten soziologischen und politischen Vokabulars liegen, das es nicht erlaube, die Brisanz genetischer Diagnostik zu erfassen, wie die irreführende Übertragung des Gegensatzpaares „normal" und „pathologisch" auf genetische Risiken belege. Vielmehr müssten Wissenschaft und Politik daran interessiert sein, die Frage, wie eine angemessene Informations- und Eigenverantwortung gewährleistet werden könne, zu beantworten.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 5.42 Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Thomas Lemke: Veranlagung und Verantwortung. Bielefeld: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21216-veranlagung-und-verantwortung_24764, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 24764 Rezension drucken
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