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/ 05.06.2013
Michael Walzer

Vernunft, Politik und Leidenschaft. Defizite liberaler Theorie. Aus dem Englischen von Karin Wördemann

Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1999; 95 S.; 22,90 DM; ISBN 3-596-14439-6
Der Band beinhaltet die drei Max-Horkheimer-Vorlesungen, welche Walzer in Frankfurt hielt. Er leitet sie mit der Aussage ein, Kommunitarismus selbst sei kein substantielles politisches Programm, sondern vielmehr ein notwendiges Korrektiv zur existierenden Lehre. In diesem Sinne widmet er jede Vorlesung jeweils einem "blinden Fleck" liberaler Theorie, welche "den Kampf gegen Ungleichheit schwerer [...] machen, als es sein müßte" (8). Im ersten Vortrag übt Walzer Kritik an der Idee des autonomen Individuums. Er zeigt, daß sich jedes Individuum in vier unfreiwilligen Assoziationen befindet: Familie und soziale Bindungen, kulturelle Praxis, politisches Gemeinwesen und moralische Codes, welche die Form komplexer Zwänge annehmen. Das Abschütteln dieser Bande erweist sich nicht immer als sinnvoll, so Walzer, vielmehr sollte auf den Lebenshintergrund von innen heraus eingewirkt werden. Sein Hauptaugenmerk legt er im zweiten Vortrag auf die Deliberation. Rationale Entscheidungen nehmen nur einen geringen Teil realer politischer Prozesse ein. Vielmehr sind diese durch tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten oder religiöse und ethische Konflikte bestimmt. Basis für die Deliberation ist die Gleichheit aller im Prozeß Beteiligten, soziale Konflikte jedoch beruhen auf unverminderter Ungleichheit. Ebenfalls nicht in die Vorstellung rationaler Entscheidungen läßt sich Leidenschaft als Triebkraft für politische Prozesse eingliedern. Diesem Problem widmet sich der Autor schließlich in der dritten Vorlesung. Leidenschaft als solche ist grenzenlos und somit auch nicht argumentier- oder verhandelbar. Somit kann Leidenschaft nur leidenschaftlich begegnet werden, um Kräfte dieser Art zu kanalisieren und zu lenken. Eine Debatte dieser drei Kritikpunkte liberaler Theorie kann laut Walzer zur Beseitigung ungerechtfertigter Ungleichheit beitragen, statt sie, wie bisher, einfach aus der Diskussion auszublenden.
Stefan Göhlert (SG)
M. A., Politikwissenschaftler, Protokollchef und Bürgerbeauftragter in der Verwaltung der Stadt Jena.
Rubrizierung: 5.43 Empfohlene Zitierweise: Stefan Göhlert, Rezension zu: Michael Walzer: Vernunft, Politik und Leidenschaft. Frankfurt a. M.: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8072-vernunft-politik-und-leidenschaft_10671, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 10671 Rezension drucken
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