/ 21.06.2013
Bernd Rüthers
Verräter, Zufallshelden oder Gewissen der Nation? Facetten des Widerstandes in Deutschland
Tübingen: Mohr Siebeck 2008; X, 239 S.; 19,00 €; ISBN 978-3-16-149751-3Das Thema Widerstand ist, selbst wenn es wie in dem vorliegenden Essay des namhaften Juristen Rüthers historisierend behandelt wird, ein unbehagliches. Dies liegt nicht nur daran, dass Widerstand formal gesehen Gehorsamsverweigerung gegenüber geltendem Recht ist, sondern auch, weil die historische Erfahrung zeigt, dass gerade die intellektuellen Eliten die Konfrontation mit totalitären Machthabern scheuen und sich stattdessen bereitwillig diesen anbieten. Dass nicht nur der Widerstand gegen ein totalitäres Regime, sondern auch die Würdigung des Widerstandes anderer schwierig ist, kann Rüthers anhand der deutschen Geschichte leicht begreiflich machen. Ob die gewählte totalitarismustheoretische Perspektive allerdings, die DDR und Drittes Reich in einem Atemzug nennt, eine notwendige Differenzierung des jeweiligen politischen Verhaltens erschwert, kann hier zwar nicht thematisiert werden. Problematisch ist auf jeden Fall, dass aus der Ehrung des in Deutschland häufig im politischen Abseits stehenden Widerstandes historische Prozesse nur schwer verstanden werden können. Der Dualismus von Parteinahme und Widerstand ist zwar moralisch plausibel, als Muster zur Geschichtsdeutung ist er jedoch zu pauschalisierend, weil er – wie Rüthers selbst bemerkt – die „tragische Verstrickung“ (103) der Akteure überblendet. Dennoch bricht in den Ausführungen immer wieder eine die Ambivalenz intellektueller Biografien nivellierende Tendenz durch. Dies wird nicht nur in der ressentimentgeladenen Beschreibung der Studentenrevolte deutlich, sondern auch an mehreren Einzelbeispielen – etwa wenn Stefan Heym lediglich als kommunistisch verführter Intellektueller geschildert oder Waldemar Gurian als demokratisch gesinnter Widerpart Carl Schmitts und vergessener Pionier der Totalitarismusforschung präsentiert wird, ohne nach den politischen Intentionen seiner Weimarer Schriften zu fragen. Die politiktheoretische Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Recht auf Widerstand bleibt also das, was sie bereits in der antiken Diskussion des Tyrannenmordes war: ein Dilemma, in dem Politik, Recht und Ethik zugleich auf einander verweisen und sich dennoch widersprechen.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.331 | 2.312 | 2.37
Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Bernd Rüthers: Verräter, Zufallshelden oder Gewissen der Nation? Tübingen: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30167-verraeter-zufallshelden-oder-gewissen-der-nation_35766, veröffentlicht am 26.02.2009.
Buch-Nr.: 35766
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
CC-BY-NC-SA