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/ 20.06.2013
Jan M. Piskorski

Vertreibung und deutsch-polnische Geschichte. Eine Streitschrift. Aus dem Polnischen von Andreas Warnecke

Osnabrück: fibre 2005 (Veröffentlichungen der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bundesverband e. V. 8); 180 S.; 14,80 €; ISBN 3-929759-96-9
Erika Steinbach, die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, reitet in einer Fotomontage in SS-Uniform auf dem deutschen Bundeskanzler, der damals noch Gerhard Schröder hieß. Diese Reaktion einer polnischen Wochenzeitung auf die deutschen Bemühungen um ein nationales Zentrum für das Gedenken an die Opfer der Vertreibung aus den ehemals deutschen Ostgebieten ist vielen noch im Gedächtnis. Sie gilt als typisch für eine in Deutschland wahrgenommene „Empfindlichkeit“ der Polen auf dem Gebiet der Vergangenheitspolitik. Der in Stettin lehrende Historiker und Deutschlandkenner Piskorski unternimmt es nun, eine differenzierte Geschichte des Streits um das Vertriebenenzentrum zu schreiben, die sich aus polnischer Sicht um Objektivität bemüht. Zunächst bilanziert Piskorski den Stand der Forschung zur Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten. Dabei achtet er streng auf die Einbindung der Geschehnisse in den historischen Kontext. Im längsten Teil des Buches werden dann Aspekte der Vertriebenenpolitik thematisiert. In diesen bisweilen etwas ziellos mäandernden Ausführungen wird deutlich, wie wenig sinnvoll eine gegenseitige Aufrechnung des Leids oder Festlegungen „ursprünglich“ deutscher oder polnischer Territorien sind. Die Geschichte von Deutschen und Polen in den betreffenden Gebieten ist unentwirrbar miteinander verwoben und sie hat jeweils in diese oder jene Richtung Fakten geschaffen. Deutliche Worte findet Piskorski zum einseitigen Geschichtsbild des Bundes der Vertriebenen. Im Ergebnis argumentiert er gegen ein nationales Zentrum gegen Vertreibungen. Dem Vorschlag der ehemaligen Kulturstaatsministerin Christina Weiß, ein europäisches Netzwerk von mit Vertreibungen befassten Institutionen zu gründen, kann Piskorski hingegen eher zustimmen. Damit ist eine polnische Sichtweise der Debatte eloquent und kenntnisreich – belegt durch eine umfangreiche Bibliografie – dargelegt.
Sebastian Lasch (LA)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.352.3312.612.254.14.42 Empfohlene Zitierweise: Sebastian Lasch, Rezension zu: Jan M. Piskorski: Vertreibung und deutsch-polnische Geschichte. Osnabrück: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/24574-vertreibung-und-deutsch-polnische-geschichte_28382, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 28382 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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