/ 21.06.2013
Rainer Guldin / Anke Finger / Gustavo Bernardo (Hrsg.)
Vilém Flusser
München: Wilhelm Fink Verlag 2009 (Uni-Taschenbücher 3045 [ISBN: 978-3-8252-3045-6]); 118 S.; 9,90 €; ISBN 978-3-7705-4723-4Der Mensch sei ein zoon politikon, ein politisches Tier, wie Aristoteles meinte, fassen die Autoren einen der Grundgedanken des Philosophen und Medientheoretikers Flusser zusammen, aber „‚nicht weil er ein geselliges Tier ist, sondern weil er ein einsames Tier ist, welches unfähig ist, in Einsamkeit zu leben“ (74). Davon ausgehend habe Flusser, der als „digitaler Denker“ (8) gilt, seine Theorie der menschlichen Kommunikation entwickelt. Anders als für McLuhan sei für ihn nicht das Medium die Botschaft. Auch habe Flusser die menschliche Kommunikation nicht als „sichere Datenübertragung“ verstanden, sondern als einen intentionalen „Akt der Freiheit zur eigenen Positionierung“ (75). Die Autoren erläutern seine Modelle, mit denen er Ende der 70er-Jahre zu einer hellsichtigen Beschreibung der durch das Internet geprägten Netzdialoge der heutigen Gegenwart kam – die gekennzeichnet seien durch „eine totale Entpolitisierung bei scheinbar allgemeiner Partizipation“ (84). Die Kommunikations- und Medientheorie nimmt allerdings nur ein Kapitel in diesem Band ein, mit dem in das Werk Flussers eingeführt wird. Er wurde 1920 in Prag geboren und 1939 zusammen mit seiner späteren Ehefrau zur Emigration gezwungen. Über 30 Jahre lebte er in Brasilien, wo er zu schreiben begann – meist in Form von Essays, die er anfangs in zwei, später in vier Sprachen schrieb, in jeder Sprache den Text wieder verändernd. Nach dem Militärputsch in Brasilien zog das Paar nach Europa, er starb 1991 bei einem Autounfall. Die Autoren erläutern auch seine Ausführungen über die Sprache und sein Verständnis von Übersetzung – was übergeht in seine kulturwissenschaftliche Idee eines entgrenzten Denkens. „Hat man so die eigene Kultur transzendiert (das heißt, ist man bodenlos geworden), gewinnt man ein anders geartetes Kulturerlebnis“, schrieb Flusser in seiner philosophischen Autobiografie quasi als Quintessenz seines Migrantenlebens. „Man schwebt [...]. Man sieht, wie die verschiedenen Kulturen ineinander greifen [...], wie sie sich voneinander entfernen [...] und gleichzeitig erlebt man die Unmöglichkeit, die Kulturen zu werten“ (70)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 5.46 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Rainer Guldin / Anke Finger / Gustavo Bernardo (Hrsg.): Vilém Flusser München: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30415-vilm-flusser_36107, veröffentlicht am 02.09.2009.
Buch-Nr.: 36107
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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