/ 21.06.2013
Sérgio Costa
Vom Nordatlantik zum "Black Atlantic" Postkoloniale Konfigurationen und Paradoxien transnationaler Politik
Bielefeld: transcript 2007; 290 S.; kart., 28,80 €; ISBN 978-3-89942-702-8Der Soziologe Costa untersucht vor dem Hintergrund antirassistischer Bewegungen in Brasilien und in den USA die Bedeutung dreier Theorienansätze für die moderne Soziologie. Er fragt, inwieweit die Ausführungen von Jürgen Habermas zur postnationalen Konstellation, die Theorie der reflexiven Moderne, wie sie von Anthony Giddens und Ulrich Beck vertreten wird, und postkoloniale Studien zum Verständnis von Rassismus und Antirassismus beitragen können. Costa verfolgt das Ziel, die Sozialwissenschaften von einer „Fixierung auf ein einheitliches idealisiertes ‚europäisches Gesellschaftsmuster‘“ (13) wegzuführen. In postkolonialen Studien, wie die von Homi Bhabha, Edward Said, Gayatri C. Spivak oder Stuart Hall und Paul Gilroy (von ihm stammt der Begriff „Black Atlantic“ – er bezeichnet einen imaginierten kulturellen Raum, der auf die Sklaventransporte von Afrika nach Amerika rekurriert), wird hingegen der Versuch unternommen, Geschichte und Gesellschaften aus einer dezentrierten, nicht-teleologischen Perspektive zu betrachten. Costa zeigt anhand der empirischen Untersuchung der politischen Veränderungen sowie der sozialgeschichtlichen und (sozial-)wissenschaftlichen Diskurse zum Thema Rassismus/Antirassismus in Brasilien, dass Rassismus in diesem Land keine Folge einer fehlenden Modernisierung oder eines fehlenden Rechtsstaates war. Hingegen resultierte er aus dem (modernen) Sklavenhandel und aus einer Folge von Prozessen, die mit lokalen Modernisierungsbemühungen zusammenhingen – wie der positiven Rezeption der Rassenwissenschaften und der Suche nach einem „eigenen“ modernen Nationalbild. Costa kommt zum Ergebnis, dass die Cultural Studies dazu dienen können, das Entstehen von Rassismus im Rahmen der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Beziehungen zwischen Kolonialmächten und Kolonien zu begreifen. Gleichzeitig trügen antirassistische Bewegungen selbst dazu bei, bestimmte Identitätsmuster festzuschreiben und Schwarze und Weiße als Gegenpole zu konstituieren.
Oliver Trede (OT)
Dr. phil., Historiker/Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.2 | 2.22 | 2.23 | 2.25 | 2.65 | 4.42 | 5.41 | 5.42 | 5.46
Empfohlene Zitierweise: Oliver Trede, Rezension zu: Sérgio Costa: Vom Nordatlantik zum "Black Atlantic" Bielefeld: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28288-vom-nordatlantik-zum-black-atlantic_33298, veröffentlicht am 01.04.2008.
Buch-Nr.: 33298
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Dr. phil., Historiker/Politikwissenschaftler.
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