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/ 19.06.2013
Hannes Heer

Vom Verschwinden der Täter. Der Vernichtungskrieg fand statt, aber keiner war dabei

Berlin: Aufbau-Verlag 2004; 395 S.; geb., 22,90 €; ISBN 3-351-02565-3
„Es geht nämlich an solchen Wegscheiden um nicht weniger als darum, [...] zu bestimmen, welche Gesichtszüge im Selbstbild einer Gesellschaft die prägenden sein sollen." (63) Als eine dieser Wegscheiden sieht Heer die 1995 eröffnete Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944". Heer war von 1993 bis 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und Leiter dieses Ausstellungsprojekts. Dessen Brisanz habe darin bestanden, dass nicht die verbrecherische Rolle der NS-Eliten vorgeführt worden sei, sondern das „potentielle Verbrechen des Jedermann" (41), belegt durch 1.433 Fotografien. Das Zeigen der Gesichter der Täter habe der Historisierung der NS-Vergangenheit im Wege gestanden, die von rechtskonservativer Seite beabsichtigt sei. In einer konzertierten Aktion sei die Seriosität der Ausstellung infrage gestellt worden. Und obwohl eine unabhängige Prüfkommission zu dem Ergebnis gekommen sei, dass nur 20 der insgesamt 1.433 Fotos mit einer falschen Bildunterschrift versehen waren, habe der Leiter des Hamburger Instituts eine Überarbeitung der Ausstellung veranlasst, trotz einer positiven Aufnahme der Ausstellung in weiten Teilen der Öffentlichkeit. Dies sei nicht nur einer „wissenschaftlichen Kapitulation" (44) gleichgekommen: „Der Spiegel wurde zerschlagen, ehe Medusa geköpft war." (58) Denn ganz im Sinne der Kritiker sei die neue, 2001 eröffnete Ausstellung hinter den Erkenntnisstand von 1995 zurückgefallen. Die privaten Fotos der Landser seien wieder verschwunden und damit auch die Täter, die - nun wieder ohne Gesicht - „von Texten absorbiert" (55) werden. Dieses Verschwinden der Täter sei kein Einzelfall, schreibt Heer, weshalb er seiner Erläuterung der alten und neuen Wehrmachtsausstellungen und ihrer geschichtspolitischen Aussagen weitere Analysen folgen lässt. Am Beispiel u. a. des Schweigens von Ernst Jünger angesichts des Kriegs in Osteuropa, der Zensur eines Nachkriegsromans von Heinrich Böll und der Bücher von Jörg Friedrich („Das Gesetz des Krieges" und „Der Brand") beschreibt Heer die sich durch die deutsche Geschichte seit 1945 ziehenden Bemühungen, die Deutschen in „ein Volk von Opfern" (7) zu verwandeln. Immer wieder werde nach einer Vergangenheit gesucht, so seine Kritik, „die passend ist" (9).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.352.312 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Hannes Heer: Vom Verschwinden der Täter. Berlin: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20734-vom-verschwinden-der-taeter_24182, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 24182 Rezension drucken
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