/ 21.06.2013
Jean-Luc Nancy
Wahrheit der Demokratie. Aus dem Französischen von Richard Steurer. Hrsg. von Peter Engelmann
Wien: Passagen Verlag 2009; 102 S.; brosch., 9,90 €; ISBN 978-3-85165-905-4Nancy, bis zu seiner Emeritierung Professor für Philosophie an der Université Marc Bloch in Straßburg, verfolgt in diesen Reflexionen eine Verteidigung der Intentionen, die, beginnend mit der Erhebung des Pariser Mai 1968, in etlichen westlichen Ländern als Gegenbewegung zur etablierten liberalen Demokratie wahrgenommen wurden. Die Proteste markierten dort, „wo sie am eigentlichsten '68'„ waren (31), die Diskrepanz zwischen der Idee der Demokratie und ihrer repräsentativen Institutionalisierung, allerdings ohne selbst eine spezifische politische Form zu fordern. Diese „messianische Inspiration“ (32) der Protestbewegung artikulierte – so Nancy – die Empfindung, dass Demokratie zunächst eine Metaphysik und erst im zweiten Schritt Politik ist. Eine so verstandene Demokratie lässt sich nur paradox beschreiben – die Rede ist von einer nietzscheanischen Demokratie (49) oder von der Demokratie als egalitärer Aristokratie (69) – und Nancy möchte zur Erläuterung dieser Idee Überlegungen von Rousseau und Pascal, Nietzsche und Marx zusammenführen. Damit sind drei Implikationen verbunden. Zunächst ist der Geist der Demokratie unvereinbar mit dem kapitalistisch geprägten liberalen Individualismus, der letztlich nur eine auf dem Tauschwert beruhende Gleichwertigkeit der Individuen zulässt. Zweitens bezeichnet Demokratie einen Modus der Gemeinschaft, der alle Unterschiedlichkeiten aufnimmt, ohne sie zu nivellieren. Und drittens schließlich eröffnet eine demokratische Politik – weil sie, wie Rousseau postulierte, ihre Souveränität nicht aus einem transzendenten Prinzip ableitet – den Raum für vielfältige Identitäten, über deren Zweck oder Sinn Politik weder entscheiden kann noch will. In dieser Leistung von Politik – „Vorstufe einer Zugangsbedingung, nicht einer Gründung oder einer Sinnbestimmung“ zu sein (97) – sieht Nancy einen nahezu anarchischen Zug, der, mit einiger Übertreibung, das Wesen von Demokratie prinzipiell bezeichnen könnte (85).
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.41 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Jean-Luc Nancy: Wahrheit der Demokratie. Wien: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31647-wahrheit-der-demokratie_37710, veröffentlicht am 10.02.2010.
Buch-Nr.: 37710
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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