/ 19.06.2013
Wolfgang Hagen (Hrsg.)
Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann? Letzte Gespräche mit Niklas Luhmann
Berlin: Kulturverlag Kadmos 2011 (Ableger 8); 144 S.; 10,- €; ISBN 978-3-86599-70-9Die Titelfrage lässt sich einfach beantworten – der Autor der ebenso profunden wie inspirierenden Studie über „Die Realität der Massenmedien“ (1996) hatte zu wenig Zeit für das Fernsehen. Bestand doch einmal die Gelegenheit, dann liefen in der Regel keine Programme, die ihn interessierten. Etliche der Auskünfte, die Luhmann in diesen letzten Radiogesprächen vor seinem Tod über die eigene Lebenswelt gab, zeugen von dieser – wie der Herausgeber sie bezeichnet – „Kontingenz des Autobiographischen“ (10). Zwar spricht Luhmann im ersten Gespräch über die professionellen Umwege, die ihn schließlich 1969 zur Soziologieprofessur in Bielefeld führten – die Arbeit als Jurist im niedersächsischen Kultusministerium, die Husserl-Lektüre und der einjährige Harvardaufenthalt bei Parsons, dann die Tätigkeit an der Verwaltungshochschule Speyer und schließlich die gleichzeitige Promotion und Habilitation 1966 – aber die Lebensgeschichte selbst bleibt absichtsvoll blass. Diesen Eindruck, die eigene Biografie sei kommunikativ irrelevant, vermittelt auch das Gespräch, das hauptsächlich mit den Massenmedien befasst ist: Stets wird Luhmann unverbindlich, wenn der Interviewer zu Stellungnahmen über die Wirkung der Medien auffordert. Paradox mag es erscheinen, dass Luhmann als Person am ehesten sichtbar wird, wenn er – wie im Gespräch mit Alexander Kluge – nicht über sich, sondern über Themen (Liebe, Kunst) und Personen (Parsons, Spencer-Brown) spricht. Freilich dürfte das die wohlreflektierte Paradoxie eines Soziologen sein, der weiß, dass Kommunikationen auf Unterscheidungen eines Beobachters beruhen, der in der Beobachtung immer vorausgesetzt ist, aber unsichtbar bleibt. Abgeschlossen wird der Band mit einer Diskussion zwischen dem Herausgeber Wolfgang Hagen, Dirk Baecker und Norbert Bolz über das Verhältnis von Soziologie, Medien und Medienwissenschaften.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.46
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Wolfgang Hagen (Hrsg.): Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann? Berlin: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21632-warum-haben-sie-keinen-fernseher-herr-luhmann_39131, veröffentlicht am 23.06.2011.
Buch-Nr.: 39131
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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