/ 21.06.2013
Wolfgang Hagen (Hrsg.)
Was tun, Herr Luhmann? Vorletzte Gespräche mit Niklas Luhmann
Berlin: Kulturverlag Kadmos 2009; 160 S.; geb., 14,90 €; ISBN 978-3-931659-98-1Nicht von ungefähr steht die Systemtheorie Luhmanns im Ruf, ein hochkomplexes und deshalb schwer zugängliches Theoriegelände zu sein. Hier kann die Form des Interviews die Vermittlung erleichtern und schließlich auch zur Lektüre des Werkes anregen, weil persönliche Gespräche Nachfragen nach Beispielen und eine prägnantere Formulierung von Kernaussagen zulassen. Das gilt auch für die hier abgedruckten Interviews, die zwischen 1992 und 1996 mit Luhmann geführt wurden. In ihnen geht es – stärker als in anderen Interviewsammlungen – um die Funktionssysteme der modernen Gesellschaft und vielfach um Grenzen und Handlungsmöglichkeiten von Politik. So votiert Luhmann für eine universalistische ökologische Politik, „die die Beschränkungen, die in der Wirtschaft anfallen, ernst nähme“ (65) – das würde jedoch auf Seiten der Parteien eine Entflechtung von Parteiapparat und Staatsorganisation voraussetzen. Und immer wieder geht es um das Credo der Systemtheorie – das Niveau der sozialen Evolution zeige sich in Optionenvielfalt und Variantenreichtum der auf der Eigenlogik der ausdifferenzierten Funktionssysteme beruhenden Gesellschaft ohne Zentrum und Spitze. Dabei betont Luhmann stets den metatheoretischen Status der Systemtheorie, die keine externe Beobachtungsposition mehr beansprucht und deshalb mit ihr äußerst sensibel jene Probleme betrachtet werden können, die sich aus dem Zusammenspiel von Komplexität und Kontingenz ergeben, ohne der Illusion zu verfallen, die Soziologie könne Lösungen anbieten. Das hängt natürlich mit der von Luhmann favorisierten Thematisierung von Aufklärung zusammen, die „nicht bewußtseins- und subjektzentriert auf [...] die Vorstellung bezogen ist, Fragen hätten eine richtige Antwort“ (59). Vielleicht deutlicher als in seinen Schriften wird hier auch Luhmanns demokratisches Pathos erkennbar, das sich der Unwahrscheinlichkeit des institutionellen Gefüges moderner demokratischer Gesellschaften bewusst ist und sie vor den Zumutungen naiver Simplifizierungen und fundamentalistischer Gesinnungen welcher Spielart auch immer bewahren möchte.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Wolfgang Hagen (Hrsg.): Was tun, Herr Luhmann? Berlin: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29116-was-tun-herr-luhmann_34404, veröffentlicht am 11.11.2009.
Buch-Nr.: 34404
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
CC-BY-NC-SA