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/ 21.06.2013
Raimund Herder

Wege in den Widerstand gegen Hitler

Freiburg i. Br.: Herder 2009 (Herder spektrum 6097); 158 S.; kart., 8,95 €; ISBN 978-3-451-06097-7
Neben dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus um das Attentat vom 20. Juli 1944 werden in diesem Band zuvorderst in aller Kürze zahlreiche weitere Gruppen skizziert, die im Widerstand aktiv waren. Anschließend fragt Herder nach den allgemeinen Voraussetzungen für den Widerstand. Die Heterogenität beispielsweise des kommunistischen Widerstands und des Kreisauer Kreises liegt auf der Hand. Allen Gruppen sei die Einsicht in den verbrecherischen Charakter des Regimes gemeinsam gewesen. Sie habe zu dem Entschluss geführt, es aus der Illegalität heraus zu bekämpfen. Die schrecklichen Verbrechen und der kommende Krieg seien bei der Machtergreifung im Jahr 1933 „schlechterdings nicht vorauszusehen“ (76) gewesen. Doch dies änderte sich bereits mit der Ermordung Kurt von Schleichers und dessen Frau, die deutlich machte, dass mit Mord als kalkuliertem Mittel fortan zu rechnen war. Was jedoch die Kriegsverbrechen und den Mord an den Juden anbelangt, ist für Herder klar, „dass tatsächlich nur wenige Menschen die Informationen […] hatten, um vor Sommer 1942 das volle Ausmaß von Hitlers Verbrechen zu erahnen“ (85). Damit setzt sich Herder von der bekannten Position Goldhagens ab und relativiert den Vorwurf, der militärische Widerstand habe zu spät gehandelt. Selbst hohe Militärs wie Generalfeldmarschall Kluge hätten sich im Sommer 1942 noch die Formulierung „Sonderbehandlung“ erläutern lassen müssen. Abschließend zieht Herder ein ambivalentes Fazit: Zwar „zeigt sich, dass alle […] Vorwürfe gegen den Widerstand […] zumindest entkräftet werden können“ (116), dennoch stellt sich die Rezeption des Widerstands heute geradezu zersplittert dar. Herder erklärt dieses Ergebnis psychologisch als Verdrängung: Man wisse wohl doch, dass man selbst Mitläufer gewesen wäre. So formuliert er streitbar: „Es ist abwegig zu glauben, unsere heutige untätige Gleichgültigkeit gegenüber den vielen Millionen Menschen […], die jedes Jahr an Hunger sterben, sei wesentlich anders zu bewerten als die Indifferenz der Deutschen zwischen 1933 und 1945“ (122).
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.312 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Raimund Herder: Wege in den Widerstand gegen Hitler Freiburg i. Br.: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30358-wege-in-den-widerstand-gegen-hitler_36029, veröffentlicht am 08.04.2009. Buch-Nr.: 36029 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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