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/ 19.06.2013
Claudia Fröhlich

"Wider die Tabuisierung des Ungehorsams" Fritz Bauers Widerstandsbegriff und die Aufarbeitung von NS-Verbrechen

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2006 (Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts 13); 430 S.; kart., 39,90 €; ISBN 978-3-593-37874-9
Politikwiss. Diss. FU Berlin; Gutachter: J. Perels, P. Steinbach. – Die Bewältigung der Vergangenheit habe Bauer als einen essenziellen Bestandteil der Konsolidierung der demokratischen Ordnung betrachtet, schreibt die Autorin. Nicht als klassischer politischer Akteur, wohl aber als politischer Protagonist habe er Anteil am facettenreichen Entwicklungsprozess der westdeutschen Demokratie in den fünfziger und sechziger Jahren gehabt. Fröhlich hat keine Biografie verfasst, gleichwohl sind die biografischen Daten Bauers die Basis seines Wirkens: Seit 1928 im Justizdienst tätig, habe er als einer der wenigen Juristen die demokratische Ordnung der Weimarer Verfassung verteidigt; 1933 sei Bauer als Jude und SPD-Mitglied verhaftet worden, habe aber 1936 emigrieren und im schwedischen Exil überleben können. Von 1950 bis 1956 war er Generalstaatsanwalt in Braunschweig, danach bis zu seinem Tod 1968 in derselben Funktion in Frankfurt am Main. Als Generalstaatsanwalt habe Bauer mehrere Ermittlungs- und Gerichtsverfahren wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen und der Verleumdung des Widerstandes initiiert. Das noch heute bekannteste Verfahren ist sicher der Auschwitz-Prozess. Fröhlich konzentriert sich aber vor allem auf den Prozess gegen Otto Ernst Remer, der als Mitglied der rechtsextremen Sozialistischen Reichspartei auf einer Wahlkampfveranstaltung 1951 die Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 als Verräter beschimpft hatte. Bauer klagte Remer der üblen Nachrede an. Damit habe er der seit 1949 zu verzeichnenden Delegitimierung des Widerstandes durch die Rechtssprechung entgegen wirken wollen. Bauer habe widerständiges Verhalten als Handlungskompetenz des mündigen Bürgers begründet und eine Verurteilung Remers erreicht. Fröhlich ordnet die politische Haltung und die politische Praxis Bauers insgesamt den „langfristig wirksamen Implikationen“ zu, „die den großen Demokratisierungsschub nach 1945 bewirkten“ (385).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.352.3132.312 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Claudia Fröhlich: "Wider die Tabuisierung des Ungehorsams" Frankfurt a. M./New York: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21489-wider-die-tabuisierung-des-ungehorsams_28808, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 28808 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA