Skip to main content
/ 22.06.2013
Wolfgang Kersting

Wie gerecht ist der Markt? Ethische Perspektiven der sozialen Marktwirtschaft

Hamburg: Murmann 2012; 280 S.; geb., 24,90 €; ISBN 978-3-86774-183-5
Kersting will seinen „politikphilosophischen Essay“ als dritten Weg zwischen Wissenschaft und Sachbuch verstanden wissen, um sich weder in den „Gelehrsamkeitsdiskurs“ noch „ins Geschäft der tagespolitischen Handreichungen“ (17) einmischen zu müssen. Diesen dritten Weg beschreibt er mit brillanter Wortgewalt als einen, der die „pathologischen Extreme des Wirtschaftsliberalismus und Marktabsolutismus zum einen und des Kollektivismus, Staatsabsolutismus und der Planwirtschaft zum anderen gleichermaßen vermeidet“ (16). Kersting wendet sich dabei gegen eine einfältige Neoliberalismuskritik und verweist zunächst auf die (theoretischen) Vorzüge von Marktordnungen. Den Markt versteht er dabei als eine „wertverwirklichende“ und „moralische Ordnung“ (24), da er „die menschlichste, weil endlichkeitsbewussteste Veranstaltung“ (25) sei. Solche für manchen Leser sicherlich provozierenden Aussagen fängt Kersting wieder ein, indem er auch auf die Ungleichheiten verweist, die der Markt produziert. Somit gelte es also, eine „marktexterne Gerechtigkeit“ (28) zu suchen, bei der durch politische Entscheidungen Deformationen des Wettbewerbs vermieden und durch steuerpolitische Umverteilungsmaßnahmen ein Mindestmaß an gesamtgesellschaftlicher Gerechtigkeit hergestellt werde. Im ersten Teil seziert Kersting eindrucksvoll die verschiedenen historischen Ansätze des Wirtschaftsliberalismus – von Mandevilles Bienenfabel über Adam Smith’ Ansatz der unsichtbaren Hand bis hin zu Alexander Rüstows und Wilhelm Röpkes Vorstellungen von einer sozialen Marktwirtschaft. Überzeugend legt er dar, dass sich all diese Ansätze nicht nur durch eine „reduktionistische Wirklichkeitssicht“ (54), sondern zum Teil auch durch eine krude metaphysische und pseudoreligiöse Überhöhung des Marktes auszeichnen. Da die soziale Marktwirtschaft vom „rechten Pfad“ (142) abgekommen sei, wendet sich Kersting im zweiten Teil den unterschiedlichen Dimensionen der sozialen Gerechtigkeit zu. Hierbei unterscheidet er zwischen einem Gerechtigkeitskonzept der „Gleichheitsfreude“ und einem der „Freiheitsfreude“ (143). Es verwundert kaum, dass er sich dabei als Verfechter des zweiten Konzepts zu erkennen gibt. Durch seinen letzten Abschnitt „Das letzte Wort gehört der Politik“ (261) macht er jedoch deutlich, dass über die konkrete Ausgestaltung des Sozialen in Marktwirtschaften nur politisch gerungen werden kann und muss.
Henrik Scheller (HS)
Dr. phil., Dipl.-Politologe, wiss. Mitarbeiter, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl Politik und Regieren in Deutschland und Europa, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 5.42 Empfohlene Zitierweise: Henrik Scheller, Rezension zu: Wolfgang Kersting: Wie gerecht ist der Markt? Hamburg: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34994-wie-gerecht-ist-der-markt_42099, veröffentlicht am 15.11.2012. Buch-Nr.: 42099 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA