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/ 17.06.2013
Jürgen Mittag

Wilhelm Keil (1870-1968) Sozialdemokratischer Parlamentarier zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik. Eine politische Biographie

Düsseldorf: Droste Verlag 2001 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 131); 650 S.; Ln., 75,67 €; ISBN 3-7700-5238-2
Keil, geboren 1870 im nordhessischen Helsa, gehört zweifellos nicht zu den heute noch bekannten SPD-Politikern in der Frühphase der Partei. Dabei hat Keil drei politische Systeme überlebt und half ein viertes zu etablieren. 1900 wird Keil, der gelernte Drechsler und Redakteur der "Schwäbischen Tagwacht", in den württembergischen Landtag gewählt, und die Landespolitik Württembergs beziehungsweise zuletzt Baden-Württembergs ist Keils hauptsächliches Betätigungsfeld. 1910 kommt Keil in den Reichstag, 1913 wird er Mitglied des SPD-Parteivorstandes in Württemberg, 1919 wird er zum Präsidenten der Verfassungsgebenden Landesversammlung gewählt. Daneben tritt er auch weiterhin reichspolitisch auf: Er hält 1919 die erste Rede für die SPD-Fraktion in der revolutionären Nachkriegszeit. Salopp formuliert, fühlt sich Keil als der Wasserträger der Parteigrößen, allerdings im besten Sinne: Er hat Ende 1918 die Gelegenheit ausgeschlagen, in die Regierung Friedrich Eberts einzutreten. Stattdessen fühlt sich Keil als Versammlungsredner und Zeitungsredakteur in der politischen Arbeit besser aufgehoben als in Berlin. Zwei Jahre, 1921 bis 1923, wird er allerdings dennoch Arbeits- und Ernährungsminister in Württemberg. Keils reichspolitische Karriere endet schon 1932, als er nicht mehr für den Reichstag aufgestellt wird, und 1933 ist nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten auch die Landespolitik Keils vorläufig am Ende. Welche landespolitische Bedeutung Keil allerdings tatsächlich besaß, lässt sich daran ermessen, dass der knapp 77-jährige 1947 zum Präsidenten des baden-württembergischen Landtags gewählt wird. 1952, mit der Auflösung des Landtages, beendet Keil mit 82 Jahren endgültig seine politische Laufbahn. Mittag stellt allerdings wesentlich mehr dar als den zweifellos interessanten Lebensweg eines SPD-Pioniers. Keil war knapp 60 Jahre politisch tätig, und insofern bietet sich einerseits die Gelegenheit, deutsche Geschichte aus der Perspektive eines Mannes zu schreiben, der nicht beständig im Rampenlicht stand - auch wenn er in der Weimarer Republik durchaus zu den wichtigsten Politikern seiner Partei zählte. Und andererseits zeigt die von Mittag mit großem Engagement geschriebene Biographie, wie Landespolitik und Reichs- beziehungsweise Bundespolitik miteinander verzahnt waren.
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.32.31 Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Jürgen Mittag: Wilhelm Keil (1870-1968) Düsseldorf: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15916-wilhelm-keil-1870-1968_18201, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 18201 Rezension drucken
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