/ 22.06.2013
Slavoj Žižek
Willkommen in interessanten Zeiten! Aus dem Englischen von Erik M. Vogt
Hamburg: LAIKA Verlag 2011 (LAIKAtheorie); 91 S.; 14,90 €; ISBN 978-3-942281-93-5Bei kaum einer Rezension empfiehlt es sich so sehr, den Klappentext des Buches, um das es geht, gleich zu Beginn in voller Länge wiederzugeben. Auf der Rückseite des Covers heißt es: „In diesem leidenschaftlichen Pamphlet analysiert Žižek die katastrophalen Auswirkungen des globalen Kapitalismus und entwickelt daraus die Notwendigkeit, den Kommunismus neu zu erfinden.“ Und in der Tat liegt hier kein Tippfehler vor, sondern eine überaus prägnante Fassung der neuen Zuspitzung der Gegenwartskritik Žižeks, die seinen ganzen Essay prägt und die ihn mitunter an merkwürdige Ufer trägt. Žižeks „Pamphlet“ wird von der Radikalität einer Kritik davongetragen, die an mehreren Stellen des Textes durchscheint, jedoch in der Mitte des zweiten Kapitels besonders deutlich ausformuliert wird. Angesichts einer Serie von Selbstmorden bei Foxconn (einem taiwanesischen Zulieferer u .a. von Apple mit Produktionsstandorten in der VR China) seien, so Žižek, auf Geheiß der Firmenleitung Netze am Fabrikgebäude angebracht worden. Diese hätten die Aufgabe, potenzielle Selbstmörder im wahrsten Sinne des Wortes aufzufangen; hinzu kämen psychiatrische Behandlungsangebote und weitere Präventionsmaßnahmen. Das alles sei – nach Žižeks Lesart – symptomatisch für die neoliberale Moderne: Nicht die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse werden abgestellt, nicht das System werde verändert, sondern die Leidensfähigkeit der Betroffenen verlängert. Dass in dieser hochkapitalistischen Leidenswelt auch die Demokratie nur noch eine „Formaldemokratie“ (86) sein kann, verwundert kaum. Wenn Žižek neben dem Markt auch der Politik jeglichen Willen zur Gestaltung und Veränderung abspricht, was bleibt dann noch? Es bleibt das revolutionäre Potenzial der „Diktatur des Proletariats“ (88), die – selbst wenn sie sich als monströse Praxis entpuppt – doch befreiend wirken könne. Über unsere gegenwärtige Zeit schreibt Žižek – Stalin zitierend –, dass sie „nichts für jene mit schwachen Nerven“ (89) sei. Das allerdings gilt – trotz einer bestechenden Gegenwartsdiagnostik – auch für das von ihm entworfene politische Programm. Etwas weniger Leidenschaft und noch wesentlich weniger Notwendigkeit hätten dem Buch – auch wenn dann der Klappentext weniger reißerisch ausgefallen wäre – sicherlich gut getan, allzumal Žižek die Konsequenzen des Totalitarismus von rechts wie von links überblicken können müsste.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42 | 5.43 | 2.2 | 4.43 | 2.68
Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Slavoj Žižek: Willkommen in interessanten Zeiten! Hamburg: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34699-willkommen-in-interessanten-zeiten_41706, veröffentlicht am 22.12.2011.
Buch-Nr.: 41706
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Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
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