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/ 17.06.2013
Brigitte Hamann

Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth

München/Zürich: Piper 2002; 688 S.; geb., 26,90 €; ISBN 3-492-04300-3
Obgleich sich die Autorin nach ihrem großen Erfolg "Hitlers Wien" einer anderen Figur biografisch zugewandt hat, bleibt sie eigentlich bei ihrem Thema und variiert es letztlich, indem sie wieder ein Forum untersucht, in dem sich Adolf Hitler als unumschränkter Führer präsentieren konnte und sich zugleich verehrt wusste. Dabei schildert sie das Leben der Wagner-Schwiegertochter und das Hitlers als Lebenslinien, die während der ersten beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts parallel verliefen, sich dann aber mit zunehmender Geschwindigkeit aufeinander zu bewegten. Denn mit dem Einzug Wagners in die Villa Wahnfried im Jahr 1915 wird das Haus zu einem Zentrum der "deutschen Kunst", der Nationalen und Antisemiten, die sich um Winifrieds Schwager, den Rassentheoretiker Houston Stewart Chamberlain scharen. Mit dem rasch aufstrebenden Jungpolitiker Hitler gibt es ab 1919 zahlreiche Verbindungen, doch erst 1923, kurz vor seinem Münchener Putsch, kommt Hitler erstmals nach Wahnfried, um zu Richard Wagners Grab zu pilgern. Damit begann eine lebenslange Verbindung zwischen Winifred Wagner und Hitler, die die gesamte Familie Wagner, vor allem auch ihre vier Kinder einschloss. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1980 verehrte Wagner Hitler und galt in der Bundesrepublik als unverbesserliche Nationalsozialistin und Ewiggestrige. Dabei ist ihre Vita nicht so eindeutig und einfach einzuordnen, wie Hamann herausarbeitet, sondern stellt sich ambivalent dar: Zwar wiederholte Wagner bis ins hohe Alter die gewohnten Bayreuther antisemitischen Sprüche, rettete aber andererseits während des nationalsozialistischen Regimes nicht wenigen Verfolgten das Leben, darunter auch Juden. Dafür nahm sie in Kauf, das zu verlieren, was ihr am wichtigsten war - die Gunst Hitlers. Diese Widersprüche in Wagners Leben nicht geglättet zu haben, sondern sie aufgezeigt und in das historische und politische Umfeld eingebettet zu haben, ist das große Verdienst von Hamann. Inhalt: Ein Waisenkind aus Sussex (1897-1915); Die junge Ehe (1915-1922); Hitler in Bayreuth (1923-1924); Die Reise nach Amerika (1924); Festsspiele unterm Hakenkreuz (1924-1927); Die alte Generation tritt ab (1927-1930); Die neue Festspielchefin (1930-1933); Hitler an der Macht (1933); Wirren um "Parsifal" (1934-1935); "Lohengrin" und das "Tausendjährige Reich" (1936-1938); Vor dem Krieg (1938-1939); Kriegsfestspiele (1940-1942); Das lange Ende (1943-1945); Entnazifizierung (1945-1949); Im Ausgedinge (1949-1973); Am Ende ein Film (1974-1980).
Markus Kaim (MK)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
Rubrizierung: 2.32.312 Empfohlene Zitierweise: Markus Kaim, Rezension zu: Brigitte Hamann: Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth München/Zürich: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16899-winifred-wagner-oder-hitlers-bayreuth_19414, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 19414 Rezension drucken
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