/ 21.06.2013
Joachim Gauck
Winter im Sommer – Frühling im Herbst. Erinnerungen
München: Siedler Verlag 2009; 347 S.; Ln., 22,95 €; ISBN 978-3-88680-935-6Gauck, in der DDR Pastor und Systemgegner, dann ein wichtiger Akteur im Prozess der Wiedervereinigung und schließlich erster Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, legt mit diesem Band seine Lebenserinnerungen vor. Der Ursprung seiner Systemgegnerschaft lag vor allem in der als willkürlich geschilderten Verschleppung des Vaters in ein sowjetisches Straflager. „Das Schicksal unseres Vaters wurde zur Erziehungskeule. Die Pflicht zur unbedingten Loyalität gegenüber der Familie schloss auch die kleinste Form von Fraternisierung mit dem System aus“ (41). Er sei in seiner Gegnerschaft nicht allein gewesen, hätten doch die nicht angepassten oder gar oppositionellen Kinder in der ersten Hälfte der 50er-Jahre die Mehrheit in den Schulklassen gebildet. Bemerkenswert sind auch die Schilderungen zur Wirkung des in der Schule gelehrten Antifaschismus. In seinem Widerstand entwickelte er eine „innere Reserve“, wollte er sich doch von seinen Unterdrückern nicht gewinnen lassen. „Wenn Falsche das Richtige sagen, wird leicht auch das Richtige falsch“ (44). Erst später, so schreibt er weiter, entwickelte er eine eigene Sicht der Dinge. Im Kapitel „Frühling im Herbst“ berichtet der Autor vom Ende der 80er-Jahre und dem beginnenden Stimmungsumschwung im Land. Bei den Kommunalwahlen im Mai 1989 lernten viele Bürger erstmals, wie man in der DDR dagegen oder ungültig stimmte. Begleitet wurden diese Erscheinungen von einer starken Ausreisebewegung. Und so erinnert sich Gauck an einen Gottesdienst, in dem sich plötzlich eine Frau erhob und klagte, dass ihr Sohn überraschend ausgereist sei. Daraufhin erhoben sich auch andere. Das hatte es noch nie gegeben, so der Autor. Kurz darauf begannen auch in Mecklenburg die Demonstrationen mit Kerzen und die Besetzung von Gebäuden der Stasi. Wären Partei und Staat ein Jahr zuvor mit Reformangeboten auf die Bürgerbewegung zugegangen, vermutet Gauck, hätte diese das Dialogangebot aufgegriffen. Im Herbst 1989 sei es jedoch zu spät gewesen.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.3 | 2.314 | 2.315
Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Joachim Gauck: Winter im Sommer – Frühling im Herbst. München: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31769-winter-im-sommer--fruehling-im-herbst_37862, veröffentlicht am 16.03.2010.
Buch-Nr.: 37862
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Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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