/ 20.06.2013
Wolfgang Herles
Wir sind kein Volk. Eine Polemik
München/Zürich: Piper 2004; 231 S.; kart., 12,90 €; ISBN 3-492-04663-0Herles' meinungsfreudige Schrift beschäftigt sich mit dem Zustand Deutschlands 15 Jahre nach dem Mauerfall. Dabei fällt das Urteil in fast jeder Hinsicht negativ aus. Auf die Einleitung folgt im ersten Kapitel eine Beschreibung der unterschiedlichen Mentalitäten und Identitäten von Ost- und Westdeutschen. Dazu werden vor allem Umfragedaten des Allensbacher Instituts herangezogen. Im zweiten Kapitel skizziert Herles knapp die Lebensläufe ostdeutscher Spitzenpolitiker (Stolpe, Thierse, Gysi, Merkel). Die beiden nächsten Abschnitte beschäftigen sich mit populären Umverteilungsdebatten und mit der Rolle Kohls im Einigungsprozess. Versuche, auf die Aufhebung der Teilung eine Loslösung von der deutschen Geschichte folgen zu lassen, werden in Kapitel fünf beschrieben. Anschließend will Herles zeigen, dass gerade deutsche Vorbilder (Adenauer, Luther, Marx) kaum als gesamtdeutsche Identifikationsfiguren taugen. Kapitel sieben ist Berlin gewidmet, Kapitel acht vermeintlichen Parallelen zwischen den Problemen der „Inneren Einheit" und Entwicklungen im Rahmen von Globalisierungs- und Europäisierungsprozessen. Dass es sich um eine Polemik handelt, zeigen schon die spärlichen Belege. Als roter Faden zieht sich eine tiefe Skepsis gegenüber allem „Patriotischen" und „Nationalen" durch das Buch. Anlass zur Hoffnung sieht Herles in der europäischen Integration, deren Ziel allerdings nicht ein erweiterter Nationalstaat sein solle, sondern „ein komplexes Netzwerk von Regionen, staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen und Institutionen" (216). Der Autor erklärt jedoch nicht, wie sich diese normative Skepsis gegenüber nationalstaatlichen politischen Einheiten mit der Postulierung von innerdeutschen „Mentalitätsdifferenzen" als Krisensymptom verträgt.
Markus Linden (LIN)
Dr., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, SFB 600 - Teilprojekt C7 "Die politische Repräsentation von Fremden und Armen", Universität Trier.
Rubrizierung: 2.35 | 2.331 | 2.315 | 2.31
Empfohlene Zitierweise: Markus Linden, Rezension zu: Wolfgang Herles: Wir sind kein Volk. München/Zürich: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22551-wir-sind-kein-volk_25729, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 25729
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Dr., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, SFB 600 - Teilprojekt C7 "Die politische Repräsentation von Fremden und Armen", Universität Trier.
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