Skip to main content
/ 04.06.2013
Jürgen Kocka / Renate Mayntz (Hrsg.)

Wissenschaft und Wiedervereinigung. Disziplinen im Umbruch

Berlin: Akademie Verlag 1998 (Interdisziplinäre Arbeitsgruppen 6); 540 S.; pb., 78,- DM; ISBN 3-05-003270-7
Kaum noch strittig dürfte sein, daß sich die deutsche Einigung als Prozeß eines Institutionentransfers vollzog, bei dem unter Regie der alten Bundesländer das westdeutsche Modell auf die neuen Bundesländer übertragen wurde. Eine west-/ostdeutsche, interdisziplinär zusammengesetzte Arbeitsgruppe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hat sich zwischen 1994 und 1997 mit einzelnen Aspekten dieses Vorgangs im Bereich des Wissenschaftssystems befaßt. Der intensive, u. a. durch eine Reihe fachbezogener Konferenzen unterstützte Diskussionsprozeß rückte die kognitiven Dimensionen des Systemtransfers in den Mittelpunkt (10). Dazu gehörten drei Fragenkomplexe: Welche selektiven Effekte hatte die Übertragung des westlichen Modells unter inhaltlichen, methodischen und organisatorischen Gesichtspunkten? Welche Spezifika (Stärken/Schwächen) zeichneten die DDR-Wissenschaften aus? Hat der Umbau des ostdeutschen Wissenschaftssystems Rückwirkungen auf das westdeutsche (8 f.)? Die im vorliegenden Band publizierten Ergebnisse dieser Debatte sind sieben disziplinäre Teilstudien und vier systematischen Fragen gewidmete Beiträge, die teils das Verhältnis von Politik und Wissenschaft in der DDR behandeln, teils eine Bilanzierung des Einigungsprozesses unternehmen. Daß der deutsch-deutsche Wissenschaftsvergleich keine unreflektierte Handhabung westlicher Selbstverständlichkeiten verträgt, war in der Arbeitsgruppe offensichtlich präsent. Davon zeugt etwa die Einschätzung Bierwischs, als Bilanz zeichne sich "ziemlich eindeutig ein moderater Gewinn von deutlich konservativem Charakter [ab], konservativ in dem Sinn, daß der Erhalt des bestehenden Kanons der Bundesrepublik das dominierende Moment darstellt, und zwar in den alten und den neuen Ländern" (505). Die Bemühung um eine Objektivierung der Darstellungen kommt auch in dem den disziplinären Teilstudien zugrundeliegenden Analyseraster zum Ausdruck (527 ff.), das vier Leitfragen (Personal in Forschung und Lehre; Kontinuitäten und Umbrüche in den Forschungs- und Lehrinhalten; Steuerung der wissenschaftlichen Themenwahl; Beziehungen zur außerwissenschaftlichen Umwelt) operationalisiert. Inhalt: Wolf-Hagen Krauth: Asien- und Afrikawissenschaften (21-78); Heinz Bielka / Rainer Hohlfeld: Biomedizin (79-142); Helmut Koch: Mathematik (143-174); Sonja Ginnow: Rechtswissenschaft (175-254); Jürgen Kaube: Soziologie (255-301); Wolfgang Fratzscher / Klaus-Peter Meinicke: Verfahrenstechnik (303-359); Wolfram Fischer / Frank Zschaler: Wirtschafts- und Sozialgeschichte (361-434); Jürgen Kocka: Wissenschaft und Politik in der DDR (435-459); Renate Mayntz: Die Folgen der Politik für die Wissenschaft in der DDR (461-483); Manfred Bierwisch: Wissenschaften im Vereinigungsprozeß. Versuch einer Bilanz (485-507); Dieter Simon: Lehren aus der Zeitgeschichte der Wissenschaft (509-523).
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.3132.22.343 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Jürgen Kocka / Renate Mayntz (Hrsg.): Wissenschaft und Wiedervereinigung. Berlin: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6274-wissenschaft-und-wiedervereinigung_8519, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 8519 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA